Gerichtsgeschichte: Reflextod oder Mord

2. Dezember 2005, 15:18
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Vor einem halben Jahr wurde ein Rathaus-Sprecher wegen Mordes zu 18 Jahren Haft verurteilt - von Daniel Glattauer

Wien - Martin W. darf noch einmal von vorn beginnen, Geschworenen seine Liebe zu Gudrun, "dieser wunderschönen Frau", zu erklären. Gern würde er es unerwähnt lassen, aber leider gehört auch das drastische Ende der Beziehung dazu: sein tödlicher Unterarmwürgegriff am 27. September 2004. Vor einem halben Jahr wurde der Rathaus-Sprecher wegen Mordes zu 18 Jahren Haft verurteilt. Der OGH hob das Urteil aus formalen Gründen auf. Nun setzt Richard Soyer, der neue Verteidiger, auf "Körperverletzung mit tödlichem Ausgang" und hofft mit seinem Mandanten auf weniger als die Hälfte der Strafe.

Der Angeklagte bleibt dabei, dass es mit Gudrun "an sich toll funktioniert" hat. "Wir haben viel miteinander unternommen und gute nächtliche Gespräche geführt". Einzig: "Urlaubsmäßig waren wir nicht kompatibel." Und dann störte es Martin W. schon ein wenig, dass ihn seine Freundin ständig "Markus" nannte, "was man nur zwei- bis dreimal lustig findet", versichert er. Also habe man beschlossen, die Beziehung zu beenden.

Vieles im Strafakt deutet darauf hin, dass Gudrun den Beschluss allein gefasst hat. Zum Geburtstag schenkte sie Martin die Teilnahme an einer psychotherapeutischen Familienaufstellung. Aber statt sich selbst zu finden, suchte er weiter nur sie. Ihre vorletzte SMS an ihre Freundin lautete: "Der Typ nervt mich extrem." Ihre letzte: "Jetzt dreht er völlig durch."

Der Gerichtsmediziner geht von einem drei bis fünf Minuten währenden Würgeakt aus. Der Verteidiger glaubt an ein "halbminütiges In-den-Schwitzkasten-Nehmen" und an einen "Reflextod" der zu Boden gestürzten Frau. Das Urteil wird für heute erwartet. (Daniel Glattauer, DER STANDARD - Printausgabe, 2. Dezember 2005)

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