Kür der Konzepte

14. Februar 2006, 14:43
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Die Amerikanerin Valerie Steele ist die Cheftheoretikerin der Mode: Mirja Rosenau sprach mit ihr über die Verheißungen der derzeit so hoch gehandelten jungen Designer

Was war denn bei Ihnen zuerst da, ein theoretisches Interesse oder die Leidenschaft für die Mode?
Valerie Steele: Natürlich die Mode! Auf jeden Fall kaufe und trage ich gern Mode, so wie all die anderen, die davon besessen sind.

Als Sie sich Anfang der Achtzigerjahre auf die Geschichte der Mode verlegten, steckte dieses Feld als akademischer Forschungsbereich noch in den Kinderschuhen.
Steele: Es existierte gar nicht! Ich war an die Yale University gekommen, um die europäische Geistes- und Kulturgeschichte der Moderne zu studieren. Es gab zu dem Zeitpunkt Modejournalismus und Kostümgeschichte, die entweder sehr antiquarisch oder irgendwie Pop-psychologisch waren. Das Feld war also weit offen für alle möglichen Erkundungen. Die meisten Professoren in Yale hielten es natürlich für lächerlich, sich mit so etwas wie Mode zu beschäftigen. Aber ich war überzeugt, dass es ein vollwertiges Forschungsgebiet ist. Ich fing an, mir viktorianische Korsette anzuschauen, mich zu fragen: Warum haben Frauen so lange Korsette getragen, warum haben diese so heftige Reaktionen provoziert? Und mich interessierte auch, warum der Mode selbst so vehement zum Vorwurf gemacht wurde, nur von Vergänglichkeit, Materialismus und Dummheit zu handeln. Allein die Tatsache, dass die Mode von Intellektuellen als so etwas Wertloses angesehen wurde, machte mich eher neugierig, als dass es mich abschreckte.

Hat denn Ihrer Einschätzung nach die Entwicklung der Modetheorie die Mode verändert?
Steele: Nein, so wenig, wie die Kunstkritik die Kunst verändert. Ich denke aber auch nicht, dass das die Aufgabe der Kritik ist.

Aber wenn man einmal hoch gehandelte Designer wie Alexander McQueen, John Galliano oder Hussein Chalayan oder auch die "Antwerp Six" betrachtet: Mit ihrem Auftreten hat sich die allgemeine Aufmerksamkeit stark auf die Konzepte hinter der Mode hin verschoben, und sie haben immerhin an Hochschulen ihre modetheoretische Ausbildung erhalten?
Steele: Das lässt sich in den eher künstlerisch ausgerichteten Hochschulen beobachten, ja. Und die Art des Diskurses, wie er in Kunsthochschulen geführt wird, hat sicherlich zu einer neuen Art von Kunst beigetragen. Aber ich glaube, im Bereich der Mode ist das noch nicht wirklich passiert. Die Mode ist so ein riesiger internationaler Markt, dass die große Mehrheit damit sehr wenig am Hut hat, wirklich.

Viele der großen Modehäuser haben aber doch gerade die jungen Avantgardisten als künstlerische Leiter eingestellt?
Steele: Klar! Sie haben sich die Designer geholt, um ein hipperes Image aufzubauen, aber was Geld einbringt, ist bestimmt nicht Gallianos Modenschaukonzept. Das zieht Aufmerksamkeit auf sich, aber den Umsatz bringen die Handtaschen. Ich glaube schon, dass die konzeptuelleren Designer Einfluss nehmen, aber auf eine sehr indirekte Weise.

Nehmen wir zum Beispiel einmal den gerade 28-jährigen Olivier Theyskens, seit 2003 als Chefdesigner bei Rochas tätig ...
Steele: Olivier Theyskens ist sehr interessant. 2001 haben wir im Museum des Fashion Institute of Technology eine Ausstellung zu belgischen Designern gemacht, in die wir ihn aufgenommen haben. Zu dem Zeitpunkt hat er gruftige, sehr junge Sachen gemacht. Bei Rochas ist es ihm meiner Ansicht nach gelungen, ein irgendwie schräges Gefühl zu bewahren, es aber einem Massenpublikum zugänglich zu machen. Es ist so, als wenn dieses Grufti-Gefühl einem romantischeren, weicheren Ansatz gewichen wäre.

Nicht nur bei Theyskens leben Elemente aus der Modegeschichte wieder auf.
Steele: Es gibt tatsächlich viele jüngere Designer, die den Blick gezielt auf Haute-Couture-Traditionen richten, weil es da ausgefallene Formen gibt oder weil sie auf der Suche nach Techniken sind, mit denen bestimmte Effekte erzielt werden können. Die Couturier-Tradition ist wie eine fremde Welt für sie, von der sie sich inspirieren lassen. Wenn uns junge Designer im Museum besuchen, wollen sie, dass wir die Kleider praktisch für sie umstülpen, damit sie sehen können, wie sie konstruiert sind. Sie interessieren sich gerade für die handwerkliche Detailarbeit, die aus der heutigen Massenmode verschwunden ist, und lassen sich auch von den "kostümigen" Elementen nicht abschrecken. Proenza Schouler etwa haben mit so altmodischem Zeug wie Pailletten großartige Sachen gemacht. Kaum zu glauben, dass die beiden gerade 26 sind, denn ihre Kleider sind so raffiniert! Kaum ein junger Designer hat diese Art von visuellem Raffinement. Ich habe begonnen, Proenza-Schouler-Stücke für das Museum anzukaufen.

Glauben Sie, dass das, was man derzeit als "Avantgarde"-Ästhetik wahrnimmt, sich jemals als Massengeschmack durchsetzen wird?
Steele: Als zum Beispiel Rick Owens (Revillon) begann, seine Kollektionen in Paris zu präsentieren, sahen seine Sachen gar nicht knackig oder sauber oder üppig aus, alles schien irgendwie beinahe auseinander zu fallen, sich aufzulösen, und hatte doch diese gewaltige Schönheit! Und er ließ sie vor kaputten Betonwänden fotografieren: Unser Auge hat zwar mittlerweile gelernt, eine Art Schönheit in Ruinen zu erblicken, aber im Bereich der Mode ist es immer noch ziemlich ungewöhnlich, ärmlich, zerstört und ruinös aussehende Kleider als schön zu empfinden. Die gesamte Wahrnehmung der Mode wird sich nicht verändern. Aber es gibt dem Mainstream verpflichtete Designer wie Karl Lagerfeld, die einzelne Stilaspekte aufgreifen. Die ausgefransten Säume etwa, die aus der Dekonstruktionsbewegung stammen, hat Lagerfeld in die Haute-Couture überführt, bei Chanel sind die Säume nun sehr kunstvoll ausgefranst.

Einige der jungen Avantgardisten leiten, einmal unter Produktionsdruck geraten, ihre Konzepte auf Nebenprojekte um. Hussein Chalayan dreht Kunstvideos, aber seine Mäntel für das britische Traditionshaus Asprey sind ...
Steele: ... einfach ganz gewöhnliche Mäntel, ja! Natürlich stehen das Kunstwerk, das Konzeptstück, das Laufstegkleid und das, was dann produziert wird, in einem spannungsvollen Verhältnis. Das gefällt mir so an Rei Kawakubo: dass die Konzepte tatsächlich in die produzierten Kleidungsstücke eingehen. Aber man darf nicht vergessen, dass sie nur einen vergleichsweise kleinen Umlauf haben. Ich meine, das Ärgerliche bei Alexander McQueen ist, dass man einerseits diese großartigen Kleider hat, die in den Schauen präsentiert werden, dass diese aber nie in Produktion gehen.

Wo sehen Sie unter den Nachwuchsdesignern Kawakubos Konsequenz?
Steele: Mir gefällt zum Beispiel, was AF Vandevorst machen. Mir gefällt die Strenge ihrer Kleider, in ihnen drückt sich ein skulpturales Empfinden aus, AF Vandevorst interessieren sich sehr für die zeitgenössische Kunst. Ihre Kleider sind sehr klar strukturiert und dabei wunderbar tragbar! Auch bei Boudicca gibt es diese skulpturalen Formen, sie haben zum Beispiel fantastische Röcke gemacht, die mit chirurgischer Präzision geschnitten und gefaltet sind. Aber das ist Antimainstreammode. Und darum finde ich es auch so frustrierend, dass McQueen auf dieses damenhafte Zeug zurückgefallen ist. Boudicca erinnern mich an den McQueen von damals, als er noch "individueller" war! "Boudicca", das ist ja der Name einer alten britischen Königin und Heeresführerin. Und das ist doch irgendwie cool, das ist doch eine interessante Haltung: dieses Bild aufzurufen!

Zur Person

Es gibt kaum ein Thema der Mode, zu dem Valerie Steele nichts zu sagen hätte: Seit den Achtzigerjahren hat sie Bücher zur Kulturgeschichte des Korsetts wie zur Theorie des Fetischs publiziert, ein Schuh- und ein Handtaschenlexikon, Analysen des Verhältnisses von Kunst und Mode sowie des Zusammenhangs von Mode und Erotik und einen Überblick über die Modegeschichte seit den Fünfzigerjahren. Ob Mode aus Italien oder London, aus Belgien oder China, ob die Figur der Femme fatale, die Farbe Rot oder berühmte und vergessene Modeschöpferinnen: Das Spektrum der Ausstellungen, die sie darüber hinaus als Direktorin und Kuratorin des Museums am New Yorker Fashion Institute of Technology konzipierte, ist weit. Dabei weiß die promovierte "Historikerin auf hohen Hacken" "The New York Times" wissenschaftliche Ernsthaftigkeit meisterhaft mit stilistischer Leichtigkeit zu verbinden. Infos unter www.fitnyc.edu.
(Der Standard/rondo/01/12/2005)

"Allein die Tatsache, dass die Mode von Intellektuellen als etwas Wertloses angesehen wurde, machte mich neugierig."

"Unser Auge hat gelernt, eine Art Schönheit in Ruinen zu erblicken, aber im Bereich der Mode ist das noch ziemlich ungewöhnlich."
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