Fernsehsessel

16. Oktober 2006, 12:29
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Erscheint "Vera" auf dem Bildschirm, können die Sinne gefahrlos schwinden - Oder: Der Dieter Bohlen unter den Möbeln

+++Pro
Von Ronald Pohl

Wie so viele zivilisatorische Annehmlichkeiten verdankt auch der Fernsehsessel seinen durchschlagenden Erfolg einer Errungenschaft des militärisch-industriellen Komplexes. Mit dem Hinscheiden Alexanders des Großen stieg bekanntlich das Durchschnittsalter der Feldherren rapide an. Die immer greiser werdenden Marschälle, Divisionskommandeure, Heeresgruppenleiter und andere Blutsäufer, die doch ein wachsames Auge auf das jäh wechselnde Schlachtenglück zu werfen hatten, litten reihenweise an Hämorriden und Prostatabeschwerden wie dem gefürchteten "imaginären Harndrang". An ein Ausharren auf abschüssigen Pferderücken war für dieses Personal nicht mehr zu denken.

Ein gewisser Monsieur Theophrast Augenteuil (1774-1821) sann im Auftrag des französischen Wohlfahrtsausschusses auf Abhilfe. Er erfand eine praktische Klappliege, deren verstellbarer Kopfteil sowohl dem Nacken des Zuschauers schmeichelte, als er, bei drohender Ungunst vonseiten der Siegesgöttin, dem Schlachtenlenker eine rasche Ohnmacht ermöglichte. Und so ist es noch heute: "Vera" erscheint auf dem Bildschirm - schon können die Sinne gefahrlos schwinden!

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Contra---
Von Christian Schachinger

Der Fernsehsessel ist der Dieter Bohlen unter den Möbeln: laut, vulgär, protzig. Er verstellt unnötig jede Menge Platz. Und er ist so peinlich, dass man nicht darin versinken, sondern ihn am liebsten versenken möchte. Der Fernsehsessel schreit: Nieder mit der Emanzipation, hol mir lieber eine Flasche Bier! Er ist Manifest jenes gesellschaftlichen Scheiterns, das uns weit in voraufklärerische Zeit zurückwirft. Dorthin, wo der Häuptling geruhte, dem Treiben seines Stammes gebieterisch, aber äußerlich unbeteiligt beizuwohnen. Der Fernsehsessel ist männlich. Frauen finden keinen Platz darin. Es gibt schließlich immer etwas zu tun. Sitzen bedeutet Macht. Macht bekommt gern Kaltes serviert.

So gesehen wäre es eine gute Sache, wenn man seine Lebensabende darin verbringen könnte. Allerdings haben die Französische Revolution und deren Folgen diesbezüglich unwiederbringlichen Schaden angerichtet. Wer auf die Bitte, doch nun endlich Soletti serviert zu bekommen, die Antwort "Hol sie dir doch selber, du Pfeife!" an den Kopf geworfen bekommt, merkt: Der Fortschritt macht dieses Möbel sinnlos. Und jetzt hoch mit dem Hintern!
(Der Standard/rondo/01/12/2005)

  • Artikelbild
    foto: bonaldo
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