Russlands boomender Nordwesten

8. Dezember 2005, 17:47
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St. Petersburgs Straßen­bild spiegelt den Wirtschaftsboom in Russlands Nordwest­region wider, die sich heute in Wien präsentiert

Wien/St. Petersburg - Die Finnen haben ihren Startvorteil genutzt und sind schon längst da. Die geografische Nähe und der Blick auf das Potenzial des russischen Marktes macht die Entscheidung für Investitionen leicht. Der Reifenproduzent Nokian Tyres hat in Wsewoloschsk, zehn Kilometer westlich von St. Petersburg, ein Werk auf die grüne Wiese gestellt. Seit September werden dort Spikereifen erzeugt, auf die das Unternehmen spezialisiert ist.

Warum man sich für diesen Standort entschieden hat? Der erst 34-jährige Generalmanager Andrej Pantiukow bestätigt, was zuvor schon der Vizechef des Kreises Wsewoloschsk, Wjatscheslaw Aleksejew, im Gespräch mit österreichischen Journalisten ausgeführt hat: hochqualifizierte Arbeitskräfte, ein attraktives Investitionsklima mit Steuernachlässen, gute Infrastruktur, Kompetenz und Professionalität der örtlichen Behörden - und natürlich der riesige russische Markt, ideal für ein Nischenprodukt, wie es Spikereifen sind.

Die neue Elite

Pantiukow ist geradezu der Prototyp jener jungen russischen Elite, die sich in der Wirtschaft herausgebildet hat und nach verbreiteter Auffassung die Zukunft des Landes stärker prägen wird als die Politik. Er stammt aus Murmansk ganz im Norden, hat in Moskau Ökonomie, Englisch, Schwedisch und Finnisch studiert und zwei Jahre in Helsinki gelebt.

Das Reifenwerk in Wsewoloschsk ist sein "Baby": In nur eineinhalb Jahren wurde es aus dem Boden gestampft, vom Beginn der Planung bis zur Produktionsaufnahme. Und das habe die Menschen hier, die den alten bürokratischen Schlendrian noch zu gut kennen, doch ziemlich beeindruckt, meint Pantiukow.

Eine ähnliche Geschichte hört man im nagelneuen Elektronikwerk des finnischen Handyproduzenten Elcoteq in St. Petersburg: geschultes Personal (aus St. Petersburgs mehr als 20 technischen Hochschulen kommen jährlich 16.000 graduierte Techniker), wettbewerbsfähiges Kostenniveau - und der russische Markt.

Als Nummer eins in Europa produziert Elcoteq Handyteile und Handys etwa für Nokia oder Ericsson. In St. Petersburg hat die Zukunft des Konzerns schon begonnen: Den Kunden-Firmen werden bald komplette Handy-Linien angeboten, vom gewünschten Design über die Produktion bis zum Service für Endabnehmer (Reparatur etc.)

Großaufgebot für Wien

Es sind solche Referenzprojekte, die es den Vertretern der Nordwestregion - einer der sieben großen Verwaltungseinheiten Russlands - relativ leicht machen, für Investitionen zu werben. In der Wirtschaftskammer Österreich in Wien geschieht dies am Donnerstag durch eine prominent besetzte Delegation mit Ilja Klebanow, dem Bevollmächtigten Vertreter des russischen Präsidenten für die Region, an der Spitze. Von den elf Gebieten der Region sind acht durch ihre Gouverneure vertreten. Dazu kommen Repräsentanten von mehr als 80 russischen Unternehmen.

Als eine der interessantesten Branchen für österreichische Investoren gilt die Holzindustrie des waldreichen Gebiets, das 20-mal so groß wie Österreich ist, aber nicht einmal doppelt so viele Einwohner zählt. (Josef Kirchengast, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 01.12.2005)

  • Straßenszene auf dem berühmten Newski Prospekt in St. Petersburg: In der Metropole der Nordwestregion, auch Russlands nördliche Hauptstadt genannt, wird neuer Reichtum zur Schau getragen.
    foto: der standard/josef kirchengast

    Straßenszene auf dem berühmten Newski Prospekt in St. Petersburg: In der Metropole der Nordwestregion, auch Russlands nördliche Hauptstadt genannt, wird neuer Reichtum zur Schau getragen.

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