Städtische "Entzugsgeschichten" im Fokus

7. Dezember 2005, 20:49
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Historikerbericht über arisierte Liegenschaften - Ausstellung zeigt Ergebnisse

Wien -Beispiel Neudeggergasse 12 in Wien-Josefstadt: Heute ein Gemeindebau, früher eine Synagoge. Beispiel Grundsteingasse 56 in Wien-Ottakring: heute eine Schule, früher ein Zinshaus im Besitz der Familie Antonie Leist.

Spurensuche

Ein dreiköpfiges Historikerteam hat sich im Auftrag der Gemeinde Wien auf Spurensuche begeben: Exakt 12.538 Liegenschaften im Gemeindebesitz - fast die Hälfte der Wiener Stadtfläche gehört der Stadt selbst - wurden seit 2003 dahingehend untersucht, ob diese den - meist jüdischen - Eigentümern in den Jahren 1938 bis 1945 unrechtmäßig entzogen - also geraubt - worden sind. Insgesamt sei jeder vierte Immobilientransfer ein so genannter Entzug gewesen, sagt Historikerin Verena Pawlowsky. In der Leopoldstadt war es jeder zweite.

"Entzugsgeschichte"

Viele Fälle wurden nach 1945 restituiert - wenn auch oft nur unter erheblichen Anstrengungen. 500 der städtischen Liegenschaften, so der Historiker Harald Wendelin, weisen eine "Entzugsgeschichte" auf. Bei 50 Liegenschaften wird nun die Schiedsinstanz des Allgemeinen Entschädigungsfonds entscheiden müssen, ob diese restituiert werden. Zwei derartige Empfehlungen gab es schon: Der Bund soll das Haus Schmidgasse 14 an die Erbberechtigten aushändigen, Wien einen Grund auf dem ehemaligen Asperner Flugfeld.

Insgesamt sollen 90 Fälle bei der Schiedsstelle liegen. Die Historiker hatten schon vor der Gemeinde rund 24.000 Liegenschaften des Bundes unter die Lupe genommen.

Damit die Forschungsergebnis auch einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich sind, widmet sich seit heute, Donnerstag, eine kleine Ausstellung im Wien Museum diesem Thema. "Verkauft. Enteignet. Verbüchert" zeigt, wie die Praxis von Entzug und Restitution in Wien ablief und verdeutlicht dies an zufällig gewählten, exemplarischen Beispielen. An zwei Computerterminals kann in der Datenbank nach den 12.538 untersuchten Liegenschaften recherchiert werden.

Die Ausstellung läuft bis zum 29. Jänner im Haus am Karlsplatz. (pm, DER STANDARD Printstandard 1.12.2005)

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