"Zufriedener als vor der HIV-Infektion"

28. Dezember 2005, 13:29
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Der Fotograf und Secession-Leiter Matthias Herrmann lebt seit sechs Jahren mit dem HI-Virus

"Betroffener, das Wort hasse ich eigentlich", bemerkt Matthias Herrmann. Ein Wort, mit dem HIV-Infizierte und Aids-Kranke gern umschrieben werden - sei es, weil "Aids" oder "HIV-positiv" immer noch mit dem schalen Hauch des Tabus behaftet sind, den man lieber nicht in den Mund nehmen will, oder "Betroffenheit" den Patienten als passives, stummes Opfer deklariert. Dagegen verwehrt sich Matthias Herrmann mit jeder Faser seines trainierten Körpers: "In meiner künstlerischen Arbeit ist es immer sehr stark um Offenheit und Öffentlichkeit als politisches Moment gegangen."

Doch selbst für ihn, der sich als Fotograf und Modell in Personalunion völlig freizügig und offen(siv) vor der Kamera inszeniert, war es anfangs nicht leicht, über seine HIV-Infektion zu sprechen. Drei Monate nach dem entscheidenden Befund im September 1999 verlor Herrmann "kein Sterbenswörtchen" über das Virus - zu niemandem. Als eben bestellter Präsident der Wiener Secession wollte er zudem "dem Haus nicht schaden".

Heute spricht der 1963 in München geborene Herrmann, der 1986 nach Wien kam, um zwei Jahre lang im Staatsopernballett zu tanzen und anschließend an der Hochschule für angewandte Kunst zu studieren, von einem "traumatischen Erlebnis, einem Schock". Denn geradezu brutal war die Mitteilung der Diagnose: "Der Laborleiter sagte vor allen Leuten im Wartezimmer: ,Sie sind HIV-positiv. Wenn Sie eine Grippe haben, müssen Sie ins Pulmologische Zentrum auf der Baumgartner Höhe gehen.'" Da half auch die Vorahnung nichts, die ihn seit einem "Sex-Unfall" (einem geplatzten Kondom) wenige Monate zuvor verfolgt hatte.

"Pillen als Feind"

Nachdem sich Herrmanns Blutwerte zusehends verschlechterten, wandte er sich an die Abteilung für Immundermatologie am Wiener Allgemeinen Krankenhaus, besser bekannt als "Süd B", wo er seither in Behandlung ist. Die so genannte Kombinationstherapie konnte er noch bis Oktober 2000 hinausschieben: "Die Medikamente waren für mich der viel größere Feind als das Virus. Ich musste heulen, als ich sie zum ersten Mal in der Apotheke abgeholt habe." Die Entscheidung fiel jedoch nicht schwer, als ein Jahr nach der Infektion die Viruslast und die Zahl der CD4-Zellen - die körpereigenen Marker, die anzeigen, wie weit die Krankheit fortgeschritten ist - auf einem Wert waren, "auf dem andere erst nach zehn Jahren sind."

Dann kam die Angst, ein "Therapieversager" zu sein - noch so ein Begriff, den Herrmann nicht ausstehen kann. Doch nach einem halben Jahr der permanenten Anspannung schlug das Medikament an. "Seitdem geht es mir kontinuierlich besser."

Matthias Herrmann gehört nicht zu den HIV-Positiven, die nie gedacht hätten, jemals etwas mit Aids zu tun zu haben: "Aids war immer ein großes Thema in meinem Leben. Ich habe sehr früh Freunde daran verloren." Daneben hat er die Hälfte der österreichischen Safer-Sex-Kampagnen fotografiert. Zuerst ist das Virus "ganz unbewusst" in seine Fotografien eingeflossen, die immer sinistrer wurden, dann kamen Tabletten-Sujets dazu. "Ich hatte das Gefühl zu schummeln, wenn ich diesen Teil verstecke", sagt Herrmann, dem nur noch beim Gedanken an die ersten schweren Jahre ein Zittern in der Stimme anzumerken ist. Als Aids-Künstler will er dennoch nicht abgestempelt werden. Tatsächlich sind die Übergänge fließend: Der männliche Körper und das ironische Spiel mit Identitäten sind Thema seiner zahlreichen internationalen Publikationen und Ausstellungen.

"Wo fängt Mut an?"

Dass sich hier zu Lande nur wenige HIV-Infizierte - wie auch Homosexuelle - öffentlich outen, liege am typisch österreichischen Mangel an Zivilcourage, welche aber nicht von den Kranken, sondern von der Gesellschaft eingefordert werden müsse, um eine angstfreie Situation ohne Schuldzuweisungen zu schaffen. "Ich habe oft gehört: ,Ganz schön mutig, dass du darüber sprichst.' Wenn das schon Mut ist, wo fängt dann wirklicher Mut an?", fragt sich Herrmann. Deswegen rechnet er auch Herbert Haupt an, dass er als Sozialminister offen mit seiner Hepatitis-C-Erkrankung umgegangen ist.

Herrmann weiß, dass er sich als Teil der Kunstszene in einer privilegierten Situation befindet: "Für einen Bauarbeiter ist es nach wie vor schwierig." Sein soziales Leben habe sich überhaupt nicht geändert, betont er mit Nachdruck, ganz im Gegensatz zu seinem Lebenswandel. Kein Alkohol, keine Zigaretten, viel Schlaf und Stressmanagement. Seit Kurzem muss er nur mehr einmal pro Tag vier Tabletten einnehmen, von Nebenwirkungen blieb er bisher verschont.

"Diese Aussage ist zwar problematisch, aber ich bin heute ein viel glücklicherer, ausgeglichenerer und zufriedenerer Mensch als vor der HIV-Infektion", sagt Herrmann bestimmt. Die 22 Jahre andauernde Beziehung zu seinem (HIV-negativen) Partner sei schöner, und der Leidensdruck - ein Wort, das Herrmann mag - habe ihn dazu gebracht, mit therapeutischer Unterstützung die Dinge anzupacken, die er früher einfach weggeschoben hatte. "Mir geht es wirklich gut, aber das war auch ein hartes Stück Arbeit", fügt er hinzu, um zu verhindern, dass die Krankheit unterschätzt wird. Denn die grassierende Ohne-Gummi-Mode und Sorglosigkeit gerade junger Menschen gegenüber Aids sei "ein Wahnsinn".

Dennoch möchte er als "positives Role-Model" zeigen, dass er durchaus gut mit dem HI-Virus leben und berufstätig sein kann - auch wenn er nicht weiß, wie lange das andauern wird. "Die Krux, in der sich die Safer-Sex-Aufklärer befinden, ist einerseits klarzumachen, dass Aids kein Picknick ist und nur schützen hilft, andererseits - mit viel Disziplin - ein normales Leben möglich ist", meint Herrmann und fordert vehement neue Aufklärungskampagnen mit neuen Botschaften. (Karin Krichmayr/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1. 12. 2005)

  • "Ich hatte das Gefühl zu schummeln, wenn ich meine Krankheit nicht in meine Arbeit als Fotograf einfließen lasse", sagt Matthias Herrmann. Die Belastung durch Medikamente wurde so Bestandteil vieler seiner Bilder.
    foto: standard/christian fischer

    "Ich hatte das Gefühl zu schummeln, wenn ich meine Krankheit nicht in meine Arbeit als Fotograf einfließen lasse", sagt Matthias Herrmann. Die Belastung durch Medikamente wurde so Bestandteil vieler seiner Bilder.

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    foto: matthias herrmann
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