Lückenlos mit Löchern

28. Dezember 2005, 13:15
13 Postings

Rückblickend wirkt nach zwei Monaten die Aufklärung so lückenlos wie ein Küchensieb.

Die Aufklärung sollte "lückenlos" sein, war das Schlagwort nach dem plötzlichen Ableben des 18-jährigen Schubhäftlings Yankuba C. in einer Sonderzelle der Linzer Polizei-Anhaltezentrums. Staatsanwaltschaft, Innenministerium, Polizei und letztlich auch die Politik zeigten sich, stets die eigene Unschuldigkeit betonend, umgehend bereit, alles zu klären, und zwar nicht nur irgendwie, sondern eben lückenlos.

Rückblickend wirkt nach zwei Monaten die Aufklärung so lückenlos wie ein Küchensieb. Polizeiverantwortliche, die es nicht der Mühe wert finden, Angehörigen eine Todesnachricht zu überbringen - der in Hamburg lebende Bruder erfährt zufällig beim Internetsurfen vom Tod. NGOs hingegen gelingt es, den Bruder binnen einen Tages nach Linz zu holen. Massive Vorwürfe über so genannte Hitzezellen irritieren die Verantwortlichen kaum. Diese Gerüchte seien seit Jahren bekannt, auch Gerichtsgutachten hätte es gegeben. Ergebnis? - "Leider nicht bekannt." Eine "Verkettung unglücklicher Umstände" als Obduktionsergebnis samt dem Verweis auf eine "erbliche Erkrankung", die von Tropenmedizinern als "harmloses genetisches Merkmal" bezeichnet wird. Vergeblich wartet man in der Causa bis dato auch auf einen Sicherheitsgipfel. Offene Fragen sollten damit geklärt werden, lückenlos.

Vorläufiger Höhepunkt ist jetzt die geplante Abschiebung eines Hauptzeugen. Henry Cu. teilte mit Yankuba C. eine Zelle. Sollte es je zu einem Verfahren kommen, könnte er entscheidende Angaben über die letzten Stunden des 18-Jährigen machen. In diesem Fall hält eine der wichtigsten Säulen des Rechtsstaates, die Zeugenaussage, offensichtlich nicht mehr. Eine kurze Befragung reicht, und dann wird rasch abgeschoben - zumindest da wird lückenlos gearbeitet. (Markus Rohrhofer, DER STANDARD Printausagbe 1.12.2005)

Share if you care.