Expertinnentipp: Mut zur Lupe

30. November 2005, 19:26
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Daniela Mascetti, Chefin des Londoner Schmuck-Departments von Sotheby's, im STANDARD-Gespräch über jüngste Auktionserfolge und besondere Momente

Sponsernde Männer zählen ebenso zu ihrer Klientel wie fanatische Juwelensammlerinnen.


Genf - Es war weniger das Karat-Volumen von insgesamt 75 der 27 in Silber gefassten und zu einem Kollier verbundenen Diamanten als ihre Provenienz, die im Genfer Auktionssaal von Sotheby's unlängst für einen ganz besonderen Moment sorgte. Das hochkarätige Halsband stammt aus dem Besitz Katharina der Großen (1729-1796). Das Faible der Zarin für Diamanten war legendär und summierte sich auf einen sagenhaften 40-Prozent-Anteil an der kaiserlichen Schatzkammer Russlands. Dass dieses Kollier sowohl den Lieferengpass der Diamantenminen im 19. Jahrhundert als auch die daraus resultierende Verarbeitung alter Steine ebenso überstand wie die Oktoberrevolution und den folgenden Ausverkauf der Bolschewiki, grenzt nahezu an ein Wunder.

Auch für Chefexpertin Daniela Mascetti, unter deren Obhut am Nachmittag des 17. November das Kollier für umgerechnet 1,29 Mio. Euro den Besitzer wechselte. Wie gesagt, die metrische, ursprünglich auf dem Gewicht eines getrockneten Samenkorns des Johannisbrotbaums beruhende Maßeinheit ist nicht immer ausschlaggebend.

Auch wenn der höchste Zuschlag dieser Sitzung dann bei 5,17 Millionen Schweizer Franken für derer 10,31 ct einem außergewöhnlich lupenreinen rosa Exemplar in Ringform erteilt wurde. Insgesamt brachten 341 Besitzerwechsel die Kassen der Schweizer Sotheby's-Niederlassung mit 35,8 Millionen Schweizer Franken zum Klingeln. Für welche der insgesamt 440 angebotenen Geschmeide sich die Direktorin des Londoner Juwelen-Departments auch privat hätte begeistern können?

"Eindeutig für das Paar der mit Smaragden besetzten Diamant-Armbänder von Van Cleef & Arpels", so Mascetti. Für die für Daisy Fellowes, Erbin des Singer-Vermögens und ungekrönte Society-Königin der 20er-Jahre, ausgeführten Schmuckstücke deponierte ein amerikanischer Sammler schließlich stolze 2,14 Millionen Euro. "What a pity", schmunzelt Mascetti, gebürtige Italienerin, geboren in Varese im Nordwesten der Lombardei. Im Anschluss an ihr Archäologiestudium absolvierte sie Ende der 70er-Jahre Kurse an der Londoner Sotheby's-Akademie. Die damaligen Hürden, fernab der Heimat? "Es war nahezu unmöglich, an die Zutaten für einen Topf Pasta zu kommen - es gab weder Rispentomaten noch gutes Olivenöl oder Spagetti."

Sie übersiedelte nach Mailand, nicht wegen des Pasta-Problems, sondern um die dortige Juwelen-Abteilung von Sotheby's zu eröffnen. 1983 kehrte sie nach London zurück. Mit im Gepäck ihr erstes persönliches Schmuckstück: das Geschenk ihrer Patentante, ein Goldarmband mit Türkisen. "Ich trage es noch heute besonders gerne, so es meine Tochter Beatrice nicht beansprucht", schildert die Mutter dreier Kinder. Vor zwei Jahren schenkte sie der heute 15-Jährigen einen silbernen Anhänger in Herzform, Marke Tiffany.

Sie selbst trägt am liebsten Perlen, schätzt deren schmeichlerischen Charakter ebenso wie die vielseitige Einsetzbarkeit. Was sie sich abseits beruflicher Erfolge und hervorragender Umsätze noch wünscht? "Ich denke, Frauen sollten in der Art und Weise, ihren Schmuck zu tragen, viel kreativer sein." Statt auf dem Jackenaufschlag empfiehlt sie, Broschen etwa auf Gürteln zu befestigten, Edelstein- mit Modeschmuck zu kombinieren, nicht ein Armband, sondern deren fünf, "ein Blick auf Fotos der 20er-Jahre genügt, lassen Sie sich inspirieren". Und Mascettis alltägliches Accessoire? Eindeutig, die persönliche Geheimwaffe in ihrer linken Sakkotasche, eine Lupe - im Wert von 20 Euro. (DER STANDARD, Printausgabe, 01.12.2005)

Von Olga Kronsteiner
  • Am 8. Dezember gelangt 
bei Sotheby's in New York dieses 
Lalique-Kollier bei einer Taxe von 250.000 
bis 350.000 US Dollar zur Auktion.
    foto: sotheby's

    Am 8. Dezember gelangt bei Sotheby's in New York dieses Lalique-Kollier bei einer Taxe von 250.000 bis 350.000 US Dollar zur Auktion.

  • Malerin wollte Daniela Mascetti werden. Jetzt macht sie in Schmuck.
    foto: sotheby's

    Malerin wollte Daniela Mascetti werden. Jetzt macht sie in Schmuck.

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