Jung, positiv, sucht Liebesglück

28. Dezember 2005, 13:29
1 Posting

HIV-positiv: ein Stigma in der modernen Gesellschaft - wie zwei Betroffene aus Afrika mit der Krankheit umgehen

Er gibt sofort zu, dass er in der Kontaktanzeige geschwindelt und sich ein paar Jahre jünger gemacht hat. "Ich bin ein Mann, 29 Jahre", steht dort, "HIV-positiv und suche eine Freundin desselben Status, zwischen 20 und 40. Sie muss bereit sein, positiv zu leben und vielleicht mit mir zusammenzubleiben. Muss finanziell stabil sein." Auf Kamya Boscos Annonce in einer ugandischen Tageszeitung antworteten 40 Frauen. Eine der ersten Fragen war immer: Wie lange hast du das Virus schon? Wenn er ihnen dann schrieb, "seit 15 Jahren", wollten sie wissen: Wie hast du so lange überlebt? Darauf antwortete er: "Positiv leben, ausruhen, sich gesund ernähren, sich vor Moskitos schützen, Sport."

Seit vier Jahren nimmt er außerdem antiretrovirale Medikamente (ARVs), die den Krankheitsverlauf verzögern. Keine fragte: Wie ist es passiert, wie hast du dich infiziert? Selbst die, die es angeht, können die immer gleichen Geschichten nicht mehr hören. Der Mann sitzt in einem leeren Restaurant in der Hauptstadt Kampala. Anonymer Ort, keine Fotos, das war die Bedingung für ein Treffen. "Ich habe es mir gut gehen lassen - was ich damals gut gehen nannte", erzählt Bosco. Er schlief neben seiner jungen Frau mit vielen anderen, ohne Kondom.

Als der Ex-Freund einer seiner Liebhaberinnen offensichtlich erkrankte und schließlich starb, ließ er sich testen. Das war vor 15 Jahren. Er weiß, sagt er, "dass ich es war, der meine Frau angesteckt hat". In der Krise konvertierten beide zur erzkonservativen, evangelikalen Kirche der Wiedergeborenen Christen, er wurde ein frommer, treuer Kirchgänger, raucht nicht mehr, trinkt nicht mehr. Sie hatten ein zweites Kind, das dank Medikamenten nicht infiziert ist. Aber am Ende hat die Liebe die Krise nicht überstanden, und vor sieben Jahren verließ sie ihn. Bosco, mit markanten Wangen und einer verwegenen Nase aus seiner Boxerzeit, teilt seine 36 Jahre ein in "das andere Leben" und "das Leben mit HIV".

Aus dem anderen Leben hat er seine Vorliebe für schnittige Kleidung mitgebracht: der offene Knopf des gebügelten weißen Hemds lässt ein hauchdünnes Goldkettchen sehen, die braunen Lederslipper sind frisch poliert. Zu seinem jetzigen Leben gehört das Stofftaschentuch, das immer zur Hand ist. Der Schweiß, der ihm maßlos über Stirn und Schläfen fließt, ist das einzige Zeichen, dass ein unheilbares Virus in ihm wohnt. Seit sieben Jahren hatte er keine Beziehung, keinen Sex. Er wusste nicht, wie er eine HIV-positive Partnerin finden sollte. Dass sie auch infiziert sein muss, steht für ihn fest. "Ich muss jemanden treffen," sagt er, "der meine Probleme versteht. Und ich bin empfindlich: Wenn jemand zum Beispiel gedankenlos etwas abwischt, was ich in der Hand hatte, das würde mich verletzen."

Vor einigen Monaten sah er zum ersten Mal Kontaktanzeigen von HIV-Infizierten in der Zeitung. Sofort legte er sich ein Pseudonym zu und setzte einen Text auf. Jeden Tag geht er seither ins Internetcafé. Die E-Mail-Korrespondenz "gibt mir einen Grund aufzuwachen", sagt er.

Vier Autostunden von Kampala entfernt hofft die Buchhalterin Cynthia Namirembe auf die Liebe. Ihre Annonce lautet: "Einsame junge Frau sucht HIV-positiven Mann aus Zentral- oder Westuganda, 35 bis 45 Jahre, gutes Einkommen, liebevoll, gütig, ehrlich und bereit für eine sehr ernsthafte Beziehung." Ihre letzte romantische Nacht liegt 15 Jahre zurück. Damals war sie, 25-jährig, mit ihrem Freund in ein Hotel gefahren. "Um acht kamen wir an. Dann schliefen wir zum ersten Mal miteinander, ohne Kondom. Sofort danach sagte er mir, er sei positiv. Um zehn war ich wieder zu Hause und alles war aus." Vier Jahre trug sie danach die Angst mit sich, infiziert zu sein, bevor sie sich testen ließ. Auch Namirembe konvertierte nach dem Test zu den Wiedergeborenen. Unter anderem, weil sie predigen, dass es Heilung von HIV gibt, wenn man nur stark genug glaubt.

Anonymität eines Hotelzimmers

Uganda, wo 1982 der erste Aids-Fall in Afrika diagnostiziert wurde, ist im afrikanischen Vergleich vorbildlich in der Aids-Bekämpfung. Die medizinische Versorgung wird immer mehr ausgeweitet, unzählige Einrichtungen und meterhohe Plakate klären auf, in Organisationen wie den Jungen Positiven und Post-Test-Clubs können sich Betroffene austauschen - aber dorthin gehen nur diejenigen, die bereit sind, sich zu outen. Namirembe gehört nicht dazu. Die zarte Frau wählte die Anonymität eines Hotelzimmers in ihrer Stadt, um ihre Geschichte zu erzählen. Außer einer Nichte weiß niemand von ihrer HIV-Infektion. Sie hat zwar Freundinnen an ihrem Arbeitsplatz, "aber gerade dort jemandem zu vertrauen", sagt sie, "ist sehr riskant." Ohnehin schöpfen einige in ihrer Umgebung bereits Verdacht. Denn Namirembe hat als Nebenerscheinung ihrer Infektion eine chronische Entzündung der Nasennebenhöhlen, die sie schwer erkältet klingen lässt, seit Jahren.

Die Annonce hat ihr Leben verändert: Noch immer fährt sie um sieben Uhr früh auf dem Rücksitz eines Mopedtaxis zur Arbeit und kehrt gegen fünf zurück. Aber jetzt geht sie am Abend in das Internetcafé im Ort mit der Hoffnung auf eine Antwort. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1. 12. 2005)

Von Judith Reker aus Uganda
  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.