Expremier Shimon Peres für Sharon

4. Dezember 2005, 16:23
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Friedensnobelpreisträger verläßt nach 46 Jahren die Arbeiterpartei und unterstützt neue Zentrumspartei "Kadima"

Mit einem "Ringelspiel", einem "Fußballtransfermarkt" oder einem "Starmania"-Spektakel wird Israels innenpolitische Szene jetzt immer wieder verglichen, nachdem Premier Ariel Sharons Ausbruch aus seiner Likud-Partei und der Führungswechsel bei der Arbeiterpartei die Grenzen zwischen den ideologischen Lagern frisch gezogen haben. Als neueste, wenn auch sicher nicht jüngste Attraktion checkte gestern der 82-jährige Shimon Peres bei Sharons "Kadima"-Partei ein.

Dass der Friedensnobelpreisträger und zweimalige Ministerpräsident, der seit 46 Jahren im Parlament sitzt, nun der Arbeiterpartei den Rücken kehrt, ist eine Sensation, aber schon keine Überraschung mehr - denn es war deutlich sichtbar, dass ihn die Niederlage im Kampf um den Parteivorsitz gegen den lange unterschätzten Gewerkschaftsführer Amir Peretz schwer getroffen hatte. Peres wird sich wohl nicht mehr um ein Knesset-Mandat bewerben, soll aber als Minister in einer künftigen Regierung Sharon Sonderaufgaben übernehmen.

Das Ratespiel "Wer geht zu wem, oder doch nicht?" ist seit Tagen Lieblingsbeschäftigung der Medien. Die Arbeiterpartei hat mit den bisherigen Ministern Chaim Ramon, Dalia Itzik und Peres große Kaliber an die "Kadima" ("Vorwärts") abgeben müssen, konnte dafür aber einige werbewirksame Quereinsteiger präsentieren: zuletzt die bekannte TV-Moderatorin Sheli Jachimowitsch, davor den Wirtschaftsprofessor Avishai Bravermann und den Ex-Geheimdienstchef Ami Ayalon.

Beim Likud hat die "Kadima" nicht nur den amtierenden Regierungschef, sondern dazu noch fünf Minister abgesahnt. Und Dienstagabend kamen mehr als 70 Bürgermeister, darunter einflussreiche Veteranen von Likud und Arbeiterpartei sowie zehn Vertreter arabischer Gemeinden, zu einem Treffen mit Sharon in Jerusalem. Verteidigungsminister Shaul Mofas, der beim Likud geblieben ist, machte indessen von sich reden, als er im Fernsehen von seiner Kindheit erzählte und dabei in Tränen ausbrach - manche sahen darin einen Versuch, sein Macho-Image loszuwerden. Sowohl Mofas als auch Außenminister Silvan Shalom sind angetreten, um im Rennen um den Likud-Vorsitz den weit vorne liegenden Ex-Finanzminister Benjamin Netanyahu doch noch abzufangen. Doch von der bisher mit 40 Mandaten stärksten Partei scheint wenig übrig zu bleiben: Eine Umfrage prophezeite dem Likud nur zehn Mandate und den vierten Platz, noch hinter der religiösen "Shass". "Kadima" hält mit 34 Mandaten ihre Höhe, mit Respektabstand zu den 27 Mandaten der Arbeiterpartei. (DER STANDARD, Print, 1.12.2005)

Ben Segenreich aus Tel Aviv
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    Eine Sensation, aber keine Überraschung: Shimon Peres (re.) schließt sich Sharon an.

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