"Friedensmacher" in Geiselhaft

2. Dezember 2005, 15:40
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Britischer Pazifist und Mitstreiter verschleppt

Norman Kember schrieb Petitionen gegen den Irakkrieg, er bastelte Poster, zeigte Flagge auf Friedensmärschen, "kaum eine Demonstration, bei der ich nicht dabei war". Im Herbst vor drei Jahren, als sich die Anzeichen für einen Angriff verdichteten, wurde er extra in der Downing Street Nr. 10 vorstellig, um Premier Tony Blair noch einmal ins Gewissen zu reden.

"Billiges Friedenmachen" nannte er das im Rückblick. Aus der Ferne zuzuschauen, zu schreiben, zu demonstrieren, das sei alles nicht vergleichbar mit dem Risiko, wie es junge Soldaten vor Ort im Irak auf sich nähmen, klagte Kember (74) vor Kurzem in einem Rundbrief. Mitte November flog er nach Bagdad. Er wollte herausfinden, in welchem Maße die neue Regierung die Menschenrechte verletzt. "Christian Peacemaker Teams", eine kanadische Organisation, hatte ihn entsandt. Ob die Reise gefährlich werden könne, wurde Kember von einem Radioreporter gefragt. "Vielleicht", kam lakonisch als Antwort.

Seit dem Wochenende sitzt der grauhaarige Londoner in einem Geiselkerker, zusammen mit zwei Kanadiern und einem US-Amerikaner (alle sind nicht identifiziert), gekidnappt von einer bislang unbekannten Gruppe, die sich "Brigaden der Schwerter des Rechts" nennt. Kembers Entführer behaupten, ihr Opfer habe im Auftrag der Besatzungsmächte spioniert, eine Anschuldigung, die seine Freunde für lächerlich halten.

"Das Letzte, was er tun würde, wäre, für die britische Regierung zu arbeiten", sagt Bruce Kent, ein Veteran, der früher die Kampagne für nukleare Abrüstung leitete, ein Bündnis, das für den Verzicht auf Atomwaffen stritt. Niemand, so Kent, stehe Blairs Nahostpolitik kritischer gegenüber als Norman Kember. Andere beschreiben den Mann als Idealisten, der an die Macht des Wortes, des Dialogs glaube - ein gläubiger Christ, aber keiner, der aufs Missionieren aus sei.

Es ist ein Geiseldrama, das die Briten fatal an die Tragödie Margaret Hassans erinnert, einer Entwicklungshelferin, die vor zwölf Monaten enthauptet wurde. Frau Hassan, eine Irin mit britischem Pass, verheiratet mit einem Iraker, blieb für Care auch dann noch in Bagdad, als die meisten Hilfsorganisationen die Segel bereits gestrichen hatten. Ihr Tod machte endgültig klar, dass die Kidnapper nicht mehr zwischen "gut" und "böse" unterschieden. Hassan war eine entschiedene Gegnerin des Krieges, genau wie Kember, bei dem man nun ebenfalls mit dem Schlimmsten rechnen muss. (DER STANDARD, Print, 1.12.2005)

Frank Herrmann aus London
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Norman Kember in einer Videobotschaft der Geiselnehmer.

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