Menschen ändern und verändern sich

30. November 2005, 18:47
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Ein Jung-Nationalteam in der Liga? Spiele gegen Schweizer Klubs? Daraus wurde nichts - Dafür wurde die Austria 2003 endlich Meister - Doch Daum und das Glück waren vergänglich

Wien - Kein Jahr ohne revolutionäre Stronach-Idee, 2003 muss man sich nur bis Februar gedulden. Diesmal schlägt der Bundesliga-Präsident und Austria-Mäzen eine Elferliga vor. Ein Jungnationalteam ("JUNO") soll mitspielen, in seinen Partien könnte es auf Anregung von Teamchef Hans Krankl um Geld statt Punkte gehen. 400.000 Schilling für den Sieger sollen auf dem Spiel stehen, in Euro (29.069) ist die Summe etwas weniger rund. "Eine Win-Win-Situation", wird Stronach von der APA zitiert. "Die Klubs kriegen Geld, die jungen Spieler zeigen, was sie können." Die Palette der Reaktionen reicht von "Schnapsidee" (Rapid-Trainer Hickersberger) über "diskutabel" (Sturm-Präsident Kartnig) bis "vorteilhaft" (Bregenz-Präsident Grill).

In der Bundesliga werkt ab Anfang Februar der ehemalige FPÖ-Klubobmann Peter Westenthaler als Vorstand. "Österreich braucht einen neuen Fußball-Hype." Westenthaler findet Gefallen an der Idee einer Kooperation mit der Schweizer Liga. "Spiele gegen Basel oder Grasshoppers könnten eine Attraktivierung sein." Mehr Erfolg hat er, als er einen ehemaligen Mitarbeiter im FPÖ-Parlamentsklub zur Bundesliga lotsen will, Kurt Lukasek wird ihm als Assistent zur Seite gestellt.

Vorzeitig (Ende April) kann sich die Austria über ihren 22. Meistertitel freuen. Die Freude über das Double wird im letzten Bundesliga-Heimspiel getrübt, die Austria unterliegt Bregenz am 29. Mai im Horr-Stadion mit 0:2, dadurch schafft Bregenz den Klassenerhalt, und Ried steigt ab. Eine Viertelstunde vor Spielschluss stürmen hunderte teils empörte Austria-Fans das Feld, erst nach 25-minütiger Pause geht's weiter. Am Abend wird vor dem Rathaus gefeiert. In der Zuseherstatistik 2002/03 liegt Austria (Schnitt: 5283) an vierter Stelle hinter Salzburg (6711), Sturm (5942), Rapid (5293).

Mitte Mai ist das Gerücht aufgekommen, Austria-Trainer Christoph Daum verhandle mit Fenerbahce Istanbul. Stronach sagt: "Wir würden uns beide nie im Weg stehen." Noch Ende Mai lässt sich Peter Svetits, dem Günther Kronsteiner von Stronach vor- oder zumindest zur Seite gesetzt wurde, als Sportdirektor beurlauben. Svetits: "Ich komme mit meinen Ideen zu Frank nicht mehr durch." Daum verknüpft seine Zukunft bei der Austria mit Svetits, den er als "Urheber des Erfolgs" bezeichnet. Doch Stronach will "erst zufrieden sein, wenn wir ernsthaft in der Champions League mitspielen".

Am 1. Juni verabschiedet sich Daum Richtung Istanbul. "Ich wollte helfen. Aber ich habe die Frage gestellt, ob die Ziele noch die gleichen sind wie damals, als man mich geholt hat." Svetits einigt sich fast zeitgleich, am 2. Juni, mit Stronach auf eine einvernehmliche Trennung, tags darauf wird der Deutsche Joachim "Jogi" Löw, Tirols ehemaliger Meistermacher, als neuer und 19. Austria-Trainer seit 1990 präsentiert.

Auf einem anderen Spielfeld steckt Stronach im Juli eine Niederlage ein, Finanzminister Karl-Heinz Grasser schließt einen Verkauf der Voestalpine an Magna aus. Grasser: "Aus meiner Sicht scheidet jeder strategische Investor aus." Stronach droht der Republik mit einer Klage.

Stronach will nun auch bei Sturm Graz investieren, Sturm-Boss Hannes Kartnig wehrt sich gegen Kritik. "Außer Sturm, Rapid und LASK haben alle das Handerl aufgehalten. Die sollen schön den Mund halten." Rapid-Präsident Rudolf Edlinger warnt im Kurier vor einer "Operettenliga", Rudas gibt zurück, auch Edlinger habe "permanent versucht, Stronach zum Einstieg bei Rapid zu bewegen".

Einen kleinen Wickel mit Stronach hat Kartnig noch, Sturm und die Austria streiten um Ivica Vastic, der aus Japan zurückkehrt. Vastic betont die "sportliche Herausforderung" bei der Austria, Kartnig sagt: "Er hat sein Sturm-Herz gegen Geld eingetauscht." International enttäuscht die Austria, in der dritten Champions-League-Quali-Runde scheitert sie an Olympique Marseille (daheim 0:1, auswärts 0:0), in der ersten UEFA-Cup-Runde an Borussia Dortmund (daheim 1:2, auswärts 0:1).

Anfang Oktober läuten im steirischen Schloss Obermayerhofen die Hochzeitsglocken, Stronach steht Kartnig als Trauzeuge zur Seite und stellt sich mit einer Weltreise als Geschenk ein. In der Meisterschaft steht Stronachs Austria im Herbst weitaus besser da als Kartnigs Sturm, die Wiener überwintern an erster, die Grazer an neunter Stelle. (DER STANDARD, Printausgabe, Donnerstag, 1. Dezember 2005, Fritz Neumann)

Lesen Sie am Freitag:
2004: Kronsteiner löst Löw ab,
Liga von ORF zu Premiere,
Westenthaler von Liga zu
Magna, Team von WM weit weg

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    29. Mai 2003: Austrianer (Dospel, Scharner, Wagner, Dheedene, Flögel) feiern vor dem Rathaus.

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