Susanne Osthoff

11. Dezember 2005, 19:43
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Eine Frau, die um jeden Preis helfen wollte

Sie sitzt auf dem Boden, umstellt von schwer bewaffneten Entführern, ihre Augen sind verbunden. Das ist das eine Bild, das Deutschland von Susanne Osthoff hat. Auf dem anderen, einem früheren, blickt die 43-Jährige mit ihren stahlblauen Augen selbstbewusst in die Kamera. An dieses zweite Bild klammern sich nun viele Menschen. Von der Mutter im bayrischen Glonn (westlich von München) bis hinauf zur neuen Kanzlerin hoffen sie alle, dass die erste im Irak entführte Deutsche wieder heil zurückkommt.

Die Entführte selbst wusste, wie gefährlich ihr humanitäres Engagement ist. "Wer die Nerven verliert, stirbt", hat sie vor zwei Jahren gesagt. Und auch ihre Familie macht sich wenig Illusionen: Natürlich sei er "schockiert" über die Entführung, meint ihr Onkel, Peter Osthoff, fügt aber hinzu, man habe "schon immer im Hinterstüberl gehabt, dass so was passieren kann".

Im Irak zu helfen, das ist die Lebensaufgabe seiner Nichte. Dafür nahm sie das Unverständnis ihrer Familie in Kauf, auch die Trennung von ihrer eigenen elfjährigen Tochter, die nach Angaben von Bekannten in einem Internat in Süddeutschland untergebracht ist. "Sie liebt die Leute, die Kultur, dieses Land und ist richtig fanatisch", beschreibt die Mutter ihre Tochter, zu der sie seit fünf Jahren keinen Kontakt mehr hat. Umgekehrt klagte die verschleppte Osthoff über ihre deutsche Familie: "Die wollten, dass ich bei Aldi arbeite."

Den Irak lernte Osthoff während ihrer Studienzeit kennen. Die Studentin der vorderasiatischen Archäologie und Semitistik schrieb ihre Magisterarbeit zum Thema "Der Spiegel im Vorderen Orient".

In den Achtzigerjahren unternahm sie mehrere Studien- und Ausgrabungsreisen in die Türkei, nach Tunesien, Jordanien, Algerien, Marokko, Ägypten und den Irak. Osthoff, die mit einem jordanischen Araber verheiratet war, spricht fließend Arabisch und bezeichnet sich selbst als "gemäßigte Muslimin". "Ich habe den Eindruck gehabt, dass sie von ihrem Denken und Fühlen mehr drunten im Irak war als bei uns", sagt der Bürgermeister von Glonn, Martin Esterl.

2003 gelang es Osthoff noch während des Irakkriegs, einen Lastwagen voller Medikamente von Damaskus nach Bagdad zu bringen, wobei sie angeblich Schleichwege der Beduinen genutzt hat. In der irakischen Hauptstadt angekommen, erkrankte sie an Typhus.

Doch nicht nur Hilfe für die Menschen sind Osthoff ein Anliegen. Sie kämpfte auch für den Erhalt der irakischen Kulturstätten. Die Süddeutsche Zeitung hat ihr 2004 den "Tassilo-Preis" für Zivilcourage verliehen - für ihren Einsatz, den Osthoff so beschreibt: "Wenn Sie wissen, wie die Menschen leiden, da kann man nicht warten, da muss man handeln. Die Flüchtlinge kommen nicht raus, also muss ich rein." (Birgit Baumann/DER STANDARD, Printausgabe, 1.12.2005)

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