Kavaliersdelikt "Auschwitzlüge"?

9. Dezember 2005, 16:54
58 Postings

Holocaust-Leugnung soll zu Recht in diesem Teil der Welt ein Paragraf des Verbotsgesetzes bleiben - Kolumne von Paul Lendvai

Wer ist David Irving, der 67 Jahre alte, steckbrieflich gesuchte britische Historiker, der am 11. November in der Steiermark verhaftet wurde und derzeit in Untersuchungshaft sitzt? Zwei ausgezeichnete Bücher über seine Thesen und seine Wirkung sollten von jenen Autoren gelesen werden, die sich nun in publizistischen Schnellschüssen über "ein EU-Kritik-Verbotsgesetz" (Die Presse, 26. 11.) lustig machen und ihn als einen "übergeschnappten Spinner" karikieren. Eva Menasse, damals Kulturkorrespondentin der FAZ, und der amerikanische Autor D. D. Guttenplan haben im Jahr 2000 den weltweit beachteten Londoner Verleumdungsprozess gegen die amerikanische Wissenschafterin Deborah Lipstadt verfolgt. Irving hatte sie geklagt, weil sie ihn in ihrem Buch als Holocaust-Leugner bezeichnet hat. Wie Menasse treffend formulierte: Irving fühlte sich in seiner Ehre gekränkt und wollte vor Gericht Genugtuung, aber nicht, weil er in Wirklichkeit kein Holocaust-Leugner sei, sondern im Gegenteil, weil er Recht habe.

Nach 32 Verhandlungstagen verlas der Richter Charles Gray am 11. April 2000 das vernichtende Urteil: David Irving sei ein Rassist, ein Antisemit, ein Holocaust-Leugner und bewusster Fälscher historischer Fakten. Irvings Bücher wurden endgültig und anhand unzähliger Beispiele als betrügerische Machwerke enttarnt. Das historische Urteil umfasste über 300 Seiten, Irving musste die immensen Gerichtskosten bezahlen. Schließlich zieht Eva Menasse die auch heute gültige Schlussfolgerung: "Irving bleibt ein besonderer Fall. Er hat nicht bloß, wie seine Mitstreiter, nur Auschwitz, die Gaskammern, die Massenvernichtung der Juden durch die Nazis attackiert und geleugnet, nein, er hat gleich die ganze Geschichte des Dritten Reiches und des Zweiten Weltkriegs umgeschrieben. Er hat ein breites pseudohistorisches Fundament gelegt, auf dessen Basis die anderen umso bequemer lügen und leugnen können."

Ob nun Irving wegen seiner öffentlichen Erklärungen und Interviews in Österreich aus dem Jahr 1989 angeklagt oder bloß ausgewiesen wird, ist Sache der Staatsanwaltschaft und des zuständigen Gerichts. Was viele stört, ist – sechzig Jahre nach dem gerade in den letzten Wochen so ausführlich diskutierten Nürnberger Prozess! – die saloppe Art und Weise, wie der Fall Irving in manchen Zeitungen behandelt wird (siehe oben).

In seinem anregenden Buch "1945 und Wir. Das Dritte Reich im Bewusstsein der Deutschen" betont der bedeutende deutsche Historiker Norbert Frei unter anderem die Gefahr der Relativierung der Verbrechen des Nationalsozialismus mit Blick auf die Verbrechen des Stalinismus. "Wer ein wenig darauf achtet, der vernimmt aus Kreisen, die einstmals alles, gerade auch das Private, für ,politisch‘ hielten, unterdessen vielfach erstaunlich unpolitische Töne einer privatistischen Geschichtsbetrachtung, in der sich die Unterschiede zwischen Tätern, Opfern und Mitläufern verwischen."

Unabhängig vom Ausgang der gerichtlichen Voruntersuchung gegen Irving muss man auch offen aussprechen, dass seine Verhaftung aufgrund eines gültigen österreichischen Haftbefehls gerade in jenen Ländern wie Ungarn, Polen oder der Slowakei, wo die Ewiggestrigen und die jungen Neonazis in Uniformen frei marschieren und rassistische Schlagworte skandieren dürfen, einen positiven Eindruck gemacht hat. Holocaust-Leugnung, in welcher Form auch immer, soll zu Recht in diesem Teil der Welt ein Paragraf des Verbotsgesetzes bleiben. (DER STANDARD, Print, 1.12.2005)

Share if you care.