Erste Zinserhöhung der EZB seit fünf Jahren erwartet

1. Dezember 2005, 09:39
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Kredite für Banken und damit auch für Unternehmer und Verbraucher werden dann teurer - Uneinigkeit herrscht, ob die Zeit für Zinserhöhung reif ist

Frankfurt - Jean-Claude Trichet ist nicht gerade ein Mann klarer Worte. Umso mehr überraschte der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) mit seiner Ankündigung, erstmals seit fünf Jahren den wichtigsten Zinssatz für die zwölf Länder der Eurozone zu erhöhen. Seit zweieinhalb Jahren hat die EZB den Zins nicht angetastet; zuvor bewegte sich der Leitzins abwärts. Am Donnerstag soll sich das ändern.

Kredite für Banken und damit auch für Unternehmer und Verbraucher werden dann teurer. Während Politik, Gewerkschaften und Verbände den Schritt kritisierten, denken Anleger und Analysten an der Börse schon weiter und fragen sich, was nach der Zinserhöhung kommt.

Grundsätzliche Anmerkungen

In den vergangenen zwei Jahren waren die monatlichen Auftritte des französischen Karrierebeamten Trichet eine eher eintönige Veranstaltung. Während alle Welt wissen wollte, wie die Notenbank die Wirtschaftslage beurteilt, wohin Konjunktur und Zinsen steuern, beschränkte sich Trichet auf eher grundsätzliche Anmerkungen. Konkrete Fragen wusste der Franzose stets mit einem ausschweifenden Monolog zur Geldpolitik zu umschiffen.

Aber dann kramte Trichet vorletzte Woche auf einem Bankenkongress in Frankfurt einen Zettel aus der Tasche und las den Zuhörern einen Schachtelsatz vor: "Nachdem wir zweieinhalb Jahre die Zinsen auf historischem Tiefstand gehalten haben, glaube ich, dass der Rat für eine Zinsänderung bereit ist, um das gegenwärtige Zinsniveau leicht anzuheben, damit wir die Risiken berücksichtigen, die wir für die Preisstabilität festgestellt haben." Die Finanzmärkte - an die verschrobene Wortwahl der Währungshüter gewöhnt - verstanden sofort und gerieten in helle Aufregung. Dass Zinsschritte angekündigt werden, ist in Europa ein Novum.

Uneinigkeit in Beurteilung

Ob die Zeit für eine Zinserhöhung tatsächlich reif ist, darüber herrscht alles andere als Einigkeit. Der luxemburgische Ministerpräsident und Vorsitzende der Euro-Finanzminister, Jean-Claude Juncker, kritisierte den Schritt wiederholt als unnötig. "Wir beobachten kein Wiedererstarken der Inflation", hielt er dem Franzosen vor. Die EZB hat sich zum Ziel gesetzt, den Preisanstieg unter zwei Prozent zu halten. Aktuell liegt die Inflation in der Eurozone bei rund 2,5 Prozent. Einige Ökonomen halten die Angst vor steigenden Preisen aber für unbegründet, würden diese doch fast gänzlich vom Öl getrieben. Eine daraus folgende Spirale aus Lohn- und Preissteigerungen sei nicht zu erkennen.

Auf der anderen Seite steht die Sorge um die Konjunktur: Teure Kredite könnten das ohnehin flaue Wachstum beschädigen. Die wirtschaftliche Erholung stehe auf schwachen Beinen, warnte Juncker. Auch die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) kritisierte angesichts der Konjunktur den geplanten Zinsschritt der EZB als verfrüht.

Finanzmärkte auf Zinserhöhung eingestellt

Die Finanzmärkte haben sich dagegen längst auf eine moderate Erhöhung des Leitzinses um 25 Basispunkte auf 2,25 Prozent eingestellt. "Nun, da die Zinserhöhung im Dezember praktisch beschlossene Sache ist, ist die nächste Frage, ob das ein einmaliger Schritt sein wird oder der Anfang einer Zinsschraube" sagt Lorenzo Codogno von der Bank of Amerika. "Wie schnell und wie hoch werden die Zinsen steigen?" lautet die Frage des Ökonomen mit Blick auf die USA, wo die Notenbank Fed den Zins in zwölf Trippelschritten auf inzwischen 4,0 Prozent anhob. Trichet selbst wies solche Vergleiche zurück: Es sei keine Serie von Zinserhöhungen geplant.

Die meisten Volkswirte können sich aber kaum vorstellen, dass die EZB erst Jahre nichts tut, dann den Leitzins um 0,25 Punkte anhebt und dann wieder nichts tut. Viele sehen das Zinsniveau bis Ende 2006 auf 2,50 bis 3,50 Prozent ansteigen. OECD-Experte Andreas Wörgötter warnt jedoch vor Panik: Durch den geplanten Minischritt am Donnerstag jedenfalls werde die Weltkonjunktur nicht "abgewürgt". (APA)

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