"Mein Kampf" entging dem Vatikan-Index

7. Dezember 2005, 15:44
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Kirchenhistoriker: "Klar war, dass das Buch häretische und verdammungswürdige Aussagen enthielt" - dennoch keine Verurteilung

Berlin - Die katholische Kirche stand in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts kurz davor, Hitlers Buch "Mein Kampf" zu verbieten. Aus bisher nicht genau zu ermittelnden Gründen seien die päpstlichen Zensoren aber vor dem letzten Schritt zurückgeschreckt, sagte der Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf laut Kathpress am Dienstagabend in Münster zum Auftakt eines wissenschaftlichen Symposions über die Buchzensur der katholischen Kirche und den "Index der verbotenen Bücher".

Zwischen 1542 und 1966 hatte die katholische Kirche mehr als 5000 Werke und Autoren von Luther über Galilei bis zu Heinrich Heine und Jean-Paul Sartre auf den Index gesetzt. Für Katholiken waren Besitz und Lektüre solcher Werke verboten und teilweise auch mit Kirchenstrafen belegt. Wolf hatte 1992 als erster Wissenschaftler überhaupt Zugang zu den vatikanischen Archiven der Inquisition und der so genannten Index-Kongregation erhalten.

Verurteilung vertagt

Papst Pius XI. (1922-39) habe Ende 1934 eine Kommission eingesetzt, die aus Hitlers hetzerischer Programmschrift eine Liste mit zehn zu verurteilenden Sätzen zum Rassismus erarbeitet habe, sagte Wolf. "Klar war, dass das Buch häretische und verdammungswürdige Aussagen enthielt", so der Kirchenhistoriker. Die geplante feierliche Verurteilung sei aber immer wieder vertagt worden. 1938 habe der Vatikan das Thema endgültig begraben, nachdem 1937 Aussagen der Kommission - wenn auch ohne direkte Namensnennung Hitlers - in die NS-kritische Enzyklika "Mit brennender Sorge" eingeflossen seien.

Wolf sieht mehrere denkbare Ursachen, warum das Heilige Offizium ein Verbot von Hitlers Buch schließlich doch unterließ: Der Vatikan könnte vor der Verurteilung eines amtierenden Staatsoberhaupts zurückgeschreckt sein. Papst Pius XI. könnte das Verfahren gestoppt haben, um angesichts der angespannten Beziehungen zum italienischen Faschismus nicht noch eine weitere, deutsche Front aufzumachen. Der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Adolf Bertram, befürwortete eine Politik der "nicht-öffentlichen Eingaben" bei Hitler. (APA)

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