Problem der gesamten politischen Klasse

30. November 2005, 13:17
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Die Grüne Landtagsabgeordnete Heidi Reiter antwortet auf den Kommentar der anderen von Othmar Prucker - Ein Komment@r der anderen

"Sind die Grünen noch zu retten" fragte Othmar Pruckner im Kommentar der anderen am 28.11. und stellte auch ein Nachwuchsproblem bei den Grünen fest. Heidi Reiter, Landtagsabgeordnete der Grünen in Salzburg liefert Antworten.

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Die strukturellen Probleme der Grünen sind ein strukturelles Problem der gesamten politischen Klasse. Wie lösen ÖVP/SPÖ ihr Nachwuchsproblem? Sie besitzen eine Vielzahl von Vorfeldorganisationen, in denen junge Parteigänger und Sympathisanten arbeiten und werken können, auch konditioniert werden. Kammern, Gewerkschaften, auch Verwaltungen und die Kommunalpolitik gehören dazu.

Sie können zahlreiche Helfer einbinden und bezahlen, bei Wahlkämpfen und Veranstaltungen, und so aus einem großen Pool wählen. Abgeordneten der Großparteien wird auch in den Parlamenten Zeit zugestanden, sich zu entwickeln. Es sind genügend da, und wenn es mehrere Legislaturperioden dauert bis ein/e Hinterbänkler/in die erste Reihe erreicht – kein Problem.

Und wie werden mehr oder weniger verdiente Funktionäre abgelöst? Sie werden mit mehr oder weniger lukrativen Posten versorgt, in Energieversorgungsunternehmen, Wohnbaugesellschaften, Aufsichtsräten etc..

Wenn Grüne politisch tätig werden tun sie das fast immer völlig ungeschützt, riskieren Jobverlust und bringen sich um Karrierechancen, praktisch null Rückkehrmöglichkeit. Sie verlieren Versicherungszeiten und ihr Leben wird um vieles komplizierter. Motivation dafür kann nur sein, dass man von der Notwendigkeit des politischen Kampfes für eine andere Welt überzeugt ist. Überzeugt, dass es nicht genügt ein bisschen weniger Öl zu verbrauchen, manchmal Bio einzukaufen und für die Armen zu spenden, sondern dass es radikale Veränderungen braucht die Klimakatastrophe und das Auseinanderdriften der Gesellschaft aufzuhalten und dass diese Veränderungen nur durchzusetzen sind, wenn man frei von starken Lobbygruppen, nur dem eigenen Gewissen verpflichtet, Politik machen kann.

Grüne Politik zu machen ist nichts für vorsichtige, angepasste Sicherheitsdenker – aber sie nicht zu machen wäre für die weitere Entwicklung der Gesellschaft gefährlich. Sie würde noch mehr erstarren und unter immer dickerem Filz die Probleme verstecken. Viele kritische und bewusste Bürger engagieren sich bewusst nicht in Parteien, sondern in NGO-s. Das ist aus vielen Gründen emotional lohnender, sozial akzeptierter, auch wichtig und bei weitem nicht so riskant, wie konkrete politische Arbeit. Aber ich hoffe, dass die Wähler nicht das Experiment machen zu testen, ob das als Widerpart zu ÖVP/SPÖ ausreicht für die dringend notwendigen Veränderungen und eine Weiterentwicklung der Gesellschaft. Ich glaube wir hätten spätestens dann alle ein ernsthaftes strukturelles Problem.

Heidi Reiter ist Landtagsabgeordnete der Grünen in Salzburg
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