Stilles Kind am Horn von Afrika

Redaktion, 30. November 2005, 11:33

Seit 14 Jahren geht die selbst erklärte Republik Somaliland ihre eigenen Wege, die sich deutlich von der Politik Somalias unterscheiden

Die Clans sind versöhnt, demokratische Einrichtungen funktionieren. Im September wählten die BürgerInnen ihre Vertretung im Parlament. Nur international anerkannt ist der Staat nach wie vor nicht.

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Abend in Hargeisa, Hauptstadt der selbst erklärten Republik Somaliland. Aus den Lautsprechern der zahlreichen Moscheen ertönen die Stimmen der Muezzins. Sie rufen zum vorletzten Gebet des Tages in einem mehrheitlich islamisch geprägten Gebiet. Die Religion gehört, wie Edna Aden betont, zu dem Wenigen, das diese Region am Horn von Afrika mit ihrem südlichen Nachbarn Somalia teilt. Die Außenministerin Somalilands ist eine der lautesten Stimmen im Bemühen um internationale Anerkennung. Wie viele andere wehrt Aden sich energisch dagegen, mit Somalia über einen Kamm geschoren zu werden. "Das hier ist Somaliland, nicht Somalia", lautet die häufigste Reaktion, wenn man auf die Nachsilbe "-land" vergisst.

"Über dreißig Jahre haben wir uns bemüht, gemeinsam mit dem südlichen Teil Somalias und der Region Puntland ein Vereintes Somalia aufzubauen. Doch mussten wir einsehen, dass diese Union nicht lebensfähig ist", erläutert Edna Aden die Geschichte ihres Landes. Dabei deutet sie immer wieder auf die Landkarte im hinteren Winkel des Raumes, die das Gebiet in seinen ehemaligen Grenzen als britisches Protektorat zeigt. Bei seiner Unabhängigkeit am 26. Juni 1960, bevor es eine Union mit dem Süden einging, wurde Somaliland von 35 Ländern als eigenständiger Staat anerkannt. Die Idee eines vereinten Somalia, vor 45 Jahren noch von weiten Teilen der Bevölkerung im Norden und Süden unterstützt, gilt heute als gescheitert.

Damals wurde die Integration der beiden Regionen durch die unterschiedlichen Ausgangsbedingungen erschwert, wie sie unter anderem im Bildungs-, Verwaltungs- und Rechtssystem bestanden. Unter der Alleinherrschaft Siad Barres ab 1969 erreichte die Zentralisierung der Macht ihren Höhepunkt. Die soziale und wirtschaftliche Entwicklung kam besonders im Norden zum Erliegen. Ein Mahnmal im Zentrum Hargeisas, verrostete Panzerwagen entlang der Landstraßen und zerstörte Gebäude erinnern an das bittere Erbe des Bürgerkriegs, den Barres Sturz 1991 einleitete.

Die Wege der Regionen konnten seither nicht unterschiedlicher verlaufen: Der Norden erklärte sich noch im selben Jahr für unabhängig. Im Gegensatz zum Süden, der bis heute keine Zentralregierung hat, bemühte sich die Führung um eine rasche Einigung der Clans. International kaum beachtet haben eine Anzahl lokal initiierter Friedensgespräche in einen Staat gemündet, der sich trotz bewaffneter Kämpfe zwischen 1993 und 1996 als lebensfähig erwiesen hat. Die anfangs geringe internationale Aufmerksamkeit wird besonders von Teilen der älteren Bevölkerung als Vorteil gesehen, wie Suleiman Mohammoud Adan, Sprecher der Guurti, des Ältestenrates, erklärt: "Durch das fehlende Interesse konnten wir uns soviel Zeit nehmen wie nötig war, um eine Einigung zu erzielen." Schritt für Schritt wurden traditionelle Strukturen durch demokratische Einrichtungen ersetzt. Ein Verfassungsreferendum, Gemeinde- und Präsidentschaftswahlen stellen neben dem Aufbau einer funktionierenden Regierung die wichtigsten Meilensteine dar.

Foto: Reuters
Parlamentswahlen in Hargeisa.

Die Parlamentswahlen Ende September sind jüngster Beweis für den Einsatz zugunsten eines demokratischen Staats: Trotz begrenzter Ressourcen und nicht vorhandenem WählerInnenregister gelang es den politischen Autoritäten Somalilands, Wahlen zu organisieren, die ein internationales Beobachterteam als "durchaus frei und fair" beurteilte. Die drei Parteien, die zur Wahl antraten, legten sämtlich Wert darauf, Zusammenstöße zu vermeiden. Das Ergebnis, zwei Wochen später veröffentlicht, zeigt ein ausgewogenes Verhältnis zwischen den beiden Oppositionsparteien mit je 28 und 23 Sitzen und der Regierungspartei mit 33. Trotz kleiner Einwände haben es alle Parteien anerkannt, nicht zuletzt um die internationale Anerkennung des Landes voranzutreiben.

Weniger ausgewogen ist das Verhältnis von Frauen und Männern im neu gewählten Parlament. Nur zwei von insgesamt sieben Kandidatinnen erzielten genügend Stimmen für einen Parlamentssitz. Zwar ist der Einzug von Frauen an sich schon ein wichtiger Schritt für das Land. Doch zivilgesellschaftliche Gruppen und Frauenorganisationen zeigen sich enttäuscht, wie die Sprecherin der lokalen Dachorganisation NAGAAD, eines Konsortiums von Frauengruppen, ausführt: "Frauen haben eine substanzielle Rolle beim Wiederaufbau des Landes gespielt. Seit zehn Jahren bemüht sich unsere Organisation, Frauen in Führungspositionen und Entscheidungsgremien des Landes zu integrieren. Eine Quote hätte uns geholfen, unserem Ziel näher zu kommen. Nun müssen wir warten und hoffen, für die nächsten Wahlen einen gesetzlich festgelegten Frauenanteil zu erreichen."

Neben der Diskriminierung von Frauen im öffentlichen und privaten Raum bleiben weitere Hürden zu überwinden. Ein Großteil der Bevölkerung lebt in absoluter Armut, der Zugang zu Bildungseinrichtungen ist besonders in ländlichen Gegenden eingeschränkt und die Arbeitslosigkeit hoch. Schon bei der Fahrt vom Flughafen in die Stadt fällt ein weiteres Symptom ins Auge: Unzählige bunte Plastiktüten, verfangen in den Ästen der spärlichen Bäume und Dornsträucher erzählen von Hargeisas Müllproblemen. "Somaliland Flowers" werden sie liebevoll-ironisch von der Bevölkerung genannt.

Sie verweisen zugleich auf ein anderes Problem: den Konsum von Khat, einer leichten Kaudroge, der unter der männlichen, erwachsenen Bevölkerung weit verbreitet ist. In bunte Plastiksäcke eingerollt wechselt das "grüne Gold" den Besitzer. Nachts füllen sich die Teestuben, Mefrishe genannt, mit Besuchern, während entlang der Straßen gefeilscht, verkauft und gekauft wird. Es sind in erster Linie Frauen, die mit dem aus Äthiopien importierten Khat handeln. Diskussionen um ein Teilverbot von Khat finden bei ihnen wenig Anklang. "Wir wollen nicht, dass Khatkonsum verboten wird – es ist unser einziges Einkommen", so eine ältere Frau in Hargeisa. Doch die hohe Arbeitslosenrate führt dazu, dass die Konsumenten zunehmend jünger werden. "Die meisten meiner Schulkollegen kauen: Aus Langeweile, da sie keine Arbeit haben, und weil sie es bei ihren Vätern sehen. Kaum jemand hinterfragt Khat kritisch – Khatkonsum ist Teil unserer Gesellschaft." Mit seiner Kampagne gegen den Konsum von Khat steht Mohammed, Vorsitzender einer lokalen Jugendgruppe, allein da.

Die Fahrt ins Zentrum lässt aber auch positive Entwicklungen der vergangenen Jahre sehen: GoldverkäuferInnen und Geldwechsler bevölkern den Straßenrand und demonstrieren die öffentliche Sicherheit Somalilands. Diebstähle sind selten in Hargeisa, und in ländlichen Gegenden kaum bekannt. Polizisten regeln den Verkehr an kritischen Kreuzungen und sorgen für die Einhaltung des Waffenverbotes im öffentlichen Raum. Die Zahl der Internet- und Mobiltelefonanbieter ist in den vergangenen Jahren gestiegen, und Cybercafés sind wie die Mefrishes beliebte Treffpunkte.

Hunderte von Baustellen insbesondere am Stadtrand zeugen von den steigenden Investitionen im Ausland lebender SomaliländerInnen. Während bi- und multilaterale Entwicklungsgelder in den Jahren nach dem Zusammenbruch Somalias primär im Süden verteilt wurden, kam Unterstützung für den Wiederaufbau im Norden von innerhalb des Landes und aus der Emigration. Dank Telefon, Internet und leistbarer Flugverbindungen existieren starke Netzwerke zwischen SomaliländerInnen im Ausland und innerhalb des Landes. Während der Sommermonate strömen viele ins Land zurück, Stadtviertel wie "New Hargeisa" sind beinahe ausschließlich in dieser Zeit bewohnt. Aber auch eine wachsende Anzahl von höheren Bildungseinrichtungen, Gesundheitszentren und weiteren öffentlichen Einrichtungen geht auf private Unterstützung aus dem Ausland zurück. Oft sind es zurückgekehrte SomaliländerInnen, die private Unternehmen gründen und zum Aufbau öffentlicher Einrichtungen beitragen.

Foto: Reuters/Ho
Flüchtlinge aus Somaliland.

Auch internationale Nichtregierungs- und Hilfsorganisationen haben sich in den vergangenen Jahren zunehmend in Somaliland niedergelassen, darunter World Vision, Safe the Children, Oxfam und Care. Doch ihre Anwesenheit wird nicht ohne Kritik gesehen – zu lange musste das Land auf solche Unterstützung warten. Hinzu kommt die offensichtliche Frustration wegen der ausbleibenden internationalen Anerkennung. "Wir könnten weit mehr für unser Land erreichen, wenn wir Mitglied der Afrikanischen Union und der Vereinten Nationen wären. Ohne Anerkennung bleiben die Türen für beide Organisationen verschlossen", klagt Suleiman Adan, der Sprecher des Ältestenrates. "Journalisten neigen zu der Frage, was unser nächster Schritt sein wird. Wir finden, dass die Schritte, die wir bisher unternommen haben, für eine Anerkennung ausreichen. Es ist die internationale Gemeinschaft, die den nächsten Schritt machen muss." Äthiopien, Dschibuti und Südafrika pflegen inoffizielle Kontakte mit Hargeisa, und die Afrikanische Union hat im Juni eine Delegation nach Somaliland entsandt. Doch wann der Staat offiziell anerkannt wird, weiß niemand.

Ein Somali-Sprichwort sagt, dass ein stilles Kind wenig Aufmerksamkeit von seiner Mutter erhält. Ähnlich den Muezzins, die täglich ihre Gebete über die Viertel Hargeisas verbreiten, nutzen die Leute jede Gelegenheit, um ihr Anliegen kundzutun. „Wenn du nach Hause zurückkehrst, erzähle den Leuten von Somaliland. Vom Frieden und von unseren Entwicklungen.“ Mit seinen Worten drückt der junge Kellner in einem Restaurant in Hargeisa die Hoffnung seines Landes aus: gehört zu werden und sein größtes Ziel, die internationale Anerkennung, zu erreichen.

Von Johanna Dellantonio

Zur Person

Johanna Dellantonio studierte internationale Entwicklung und Afrikanistik und war Beobachterin bei den Parlamentswahlen in Somaliland. Derzeit arbeitet sie als Beraterin für ein Projekt gegen genitale Verstümmelung vor Ort.


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11 Postings
Ein demonstratives Beispiel,

dass Afrika durchaus zu besseren Ergebnissen fähig ist, wenn wir Europäer uns nicht immer einmischen und versuchen ihnen unser System aufzudrängen. Schließlich sollten sie selber wissen, was am besten für sie ist (und sie tun es auch) und nicht nur durch finanzielle Hilfe geblendet werden. Unsere Systeme sind nicht Lösung aller Rätsel va. wenn die kulturelle Grundlage so verschieden ist.

in diesem Zusammenhang

fällt mir ein interessanter Artikel ein, in dem es darum ging, warum die Demokratisierung in Afrika trotz relativ hoher HIlfszahlungen so langsam vor sich geht, bzw überhaupt so schlecht funktionioert.

Dabei wurde unter anderem die These vertreten, dass sich der Volkszorn in vielen Ländern mit wankenden, diktatorischen Regimen deswegen noch nicht entladen hat, weil durch die Zahlungen irgendwie ein Überleben ermöglicht wird (ein gutes der Regime und ein schlechtes der Bevölkerung). Durch eine "Abschottung" für ein paar Jahre, könnte in vielen Ländern ein Neustart erreicht werden, weil die Bevölkerung dann gezwungen wäre, sich selbst ein neues System zu beschaffen (wie hier) , weil die Regime ohne das Ausland nicht lebensfähig wären.

danke südwind...

...ich glaub, hier ist ein abo fällig.

- vor ein bis zwei jahren gab es gezielte attacken auf westler, was zur folge hatte, dass die oesterr. botschaft in addis und das aussenministerium von reisen nach somaliland abratet.
bei reisen in somaliland bestand man von offizieller seite auf polizeieskorten auf ueberlandstrecken, was jedoch nur mangelhaft exekutiert wurde.
- mangelnde resourcen und klimatische herausforderungen lassen selbst somalis an der lebensfaehigkeit eines unabhaengigen somaliland zweifeln.
von im ausland lebenden somalis wird die lokale wirtschaft mittels geldtransfers gestuetzt.
arbeitslosigkeit stellt ein weiteres massives problem dar.
- kulturelle und religioese motive sind fuer eine gewisse reserviertheit gegenueber westlichen einfluessen auszumachen.

vorab darf ich mich fuer diesen interessanten artikel bedanken. nur zu selten liest man in hiesigen medien ueber diese gegend und deren gewinnenden bewohner.
trotzdem erlaube ich mir, auf einige auslassungen hinzuweisen:
- die somalis sind ueber 5 versch. laender am horn von afrika und ostafrika verteilt. die fraktionierung der clans ist eines der grunduebel und ursaechlich fuer diverse auseinandersetzungen
- an der grezen zum puntland/ "restsomalia" kommt es immer wieder gewaltaetigen konflikten und die lage ist alles andere als friedlich
- aufgrund fehlender internationaler anerkennung und mangels resourcen ist die staatsgewalt eine schwache und, wenn man dem pers. gespraech mit somalis glauben darf, der dollar koenig.

Was hält Frau Plassnik von diesem Staat?

bzw.: welche Position vertritt die Republik Österreich in der Anerkennung dieses Landes?

allerfeinster Bericht

da hab ich ja was dazugelernt. würde gerne öfters positives aus afrika lesen- gibt es nämlich viel mehr, als die medien wahrnehmen.

schliesse mich an, es ist sehr schön, von so positiven entwicklungen in Afrika - so kompetent ausgearbeitet - zu hören

Hoffen wir nur, dass mit einer internationalen

Anerkennung und damit verbundener Entwicklungshilfe nicht eine andere Geissel in das Land kommt, Korruption.

mal was positives

aus afrika, wo gibts sowas noch ?

Ein toller Bericht, der Hoffnung macht.

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