Klimaschutz unter Zeitdruck

9. Dezember 2005, 18:31
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Experten drängen auf rasche Maßnahmen gegen die globale Erderwärmung, die Weltklimakonferenz in Montreal sucht mühevoll Methoden dazu

Die Auswirkungen der Erderwärmung sind mit denen von Massenvernichtungswaffen vergleichbar." - Mit diesen drastischen Worten warnt der Präsident der britischen Akademie der Wissenschaften, Lord Robert May, davor, das Problem des Klimawandels zu unterschätzen. Genau das droht aber durch die politischen Interessen bei der derzeitigen Weltklimakonferenz in Montreal zu geschehen. Experten waren schon vor Beginn der Konferenz davon überzeugt, dass die Verhandlungen so schwierig würden wie nie zuvor.

Die Europäische Union setzt sich zwar dafür ein, die von vielen Forschern als gerade noch "beherrschbar" bezeichnete globale Erwärmung um zwei Grad bis 2100 nicht überschreiten zu wollen. Dazu aber müssten die industrialisierten Staaten bis 2050 ihren Treibhausgasausstoß um mindestens 60 Prozent reduzieren. Das wäre mehr als das Elffache der 5,2 Prozent Reduktion, die das Kyoto-Protokoll bis 2012 erreichen will.

Nur wenn jene Staaten, die für die derzeitigen Klimaveränderungen verantwortlich sind, solche Reduktionsziele mitverfolgten, würden die Schwellenländer wie China, Indien oder Brasilien mit ihrer schnell wachsenden Industrie einen neuen Klimavertrag akzeptieren. Aber schon die USA als größter Verursacher von Treibhausgasen lassen kein Interesse an solchen Reduktionszielen erkennen.

Obwohl die US-Regierung laut Akademie-Präsident May mehr als genug Grund hätte, wirksamer durchzugreifen. Er erklärt, der Treibhauseffekt habe "zahlreiche und ernste" Auswirkungen etwa auf den Meeresspiegel, die Verfügbarkeit von Trinkwasser und die Zunahme von "Extremereignissen" wie Überschwemmungen, Dürren und Wirbelstürmen.

Zerstörte Golfküste

Allein der Hurrikan "Katrina" habe Schäden in Höhe von 1,7 Prozent des diesjährigen Bruttoinlandsprodukts der USA angerichtet. Die US-Golfküste werde Ende des Jahrhunderts möglicherweise "praktisch unbewohnbar" sein.

Auch für Europa gelten schlechte Aussichten. Diesem Erdteil droht einem Bericht der Europäischen Umweltagentur (EUA) zufolge der "schlimmste Klimawandel" seit gut 5000 Jahren. Sollte sich die derzeitige Erderwärmung fortsetzen, könnten "bis zum Jahr 2050 drei Viertel der Schweizer Gletscher weggeschmolzen sein", heißt es im jüngsten Bericht der EUA. Eine weitere Folge werde die Ausbreitung von Wüsten im Süden Europas sein. "Die Bevölkerung des Kontinents könnte sich immer mehr auf Mitteleuropa konzentrieren", sagte die Direktorin der Agentur, Jacqueline McGlade.

Laut Experten drängt also die Zeit, andererseits verweisen sie darauf, dass bei dieser Konferenz wirtschaftspolitische Interessen eine Hauptrolle spielen. Demnach geht es weniger darum, exakte, verpflichtende Daten und Zeitpläne für die Reduktion der Treibhausgase zu erstellen, sondern mehr um grundsätzliche Methoden, mit denen sich alle einverstanden erklären können. (Klaus-Peter Schmidt/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30. 11. 2005)

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    Nicht nur das Eis an den Polen schmilzt durch die globale Erwärmung, auch europäische Gletscher sind gefährdet. Die Folgen könnten Anstieg der Meeresspiegel und Mangel an Trinkwasser sein.

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