Das herumgeschobene Trauma

29. November 2005, 18:43
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Regisseur Peter Konwitschny inszeniert in Stuttgart Richard Strauss' "Elektra"

Stuttgart - Ehe noch Richard Strauss' fiebrige Nervenmusik aggressiv anhebt, während der eine oder andere im Stuttgarter Opernhaus noch gemütlich seinen Platz sucht, planschen auf der Bühne drei Kinderlein mit Papa in der Wanne: Elektra, Orest und Chrysothemis.

Es ist ein quietschvergnügtes Herumtollen - bis Mama Klytämnestra und ihr Liebhaber Aegisth erscheinen und Papas Schädel mit einer Axt spalten. Es war also einmal ein Kindheitstrauma, sagt Regieanalytiker Peter Konwitschny in Stuttgart. Und wie das so bei verletzenden Erlebnissen ist, wirken sie fort, lenken Handeln und Denken, und so werden sie hier theatralisch ins Bild gerückt: Es bleibt Papa Agamemnon einen Elektra-Abend lang präsent als Trauma, dass sich als herumgeschobene Leiche in der Wanne materialisiert.

Wär' der Wannentote nicht zugegen, es wäre hier zumindest an der Oberfläche alles schön adrett und gestylt. Die Mägde machen sauber, man sitzt auf coolen Sofas - nur die rückwärts laufende Digitaluhr deutet darauf hin, dass alles auf eine blutige Abrechnung zurast.

Bis es soweit ist, bis Orest auftaucht, fließt viel Alkohol, und zwischen Mutter Klytämnestra (glänzend Renée Morloc) und Tochter Elektra (solide Susan Bullock, der es aber an vokaler Kraft zur absoluten Intensität fehlt) meint man für Augenblicke gar Vertrautheit zu erkennen - als wäre ein anderes Ende möglich: In Elektra (einer modernen, etwas androgynen Frau in Jeans) scheint kurz gar die Sehnsucht nach so etwas wie Nestwärme auszukeimen.

Angst-Gefängnis

Doch der Countdown läuft, es siegt die Wut, und der verspiegelte Bühnenraum (Ausstattung: Hans-Joachim Schlieker) wird zum Gefängnis der in ihm explodierenden Aggressionen und Ängste, in dem Chrysothemis' Wünsche nach Normalität (glänzend Eva-Maria Westbroeck) keine Chance haben.

Dass Konwitschny auf Reduktion setzt, lässt die Spannungen zwischen den Figuren noch viel deutlicher hervortreten und erhöht schließlich auch die Wirkung des Finales. Jene Rache, die Orest (profund Matthew Best) mit ein paar Pistolenschüssen beginnt, entwickelt sich dann auch schön langsam, aber blutig zu einem Massaker.

So ist die Bühne schließlich voller Leichen, und zu einer "Musik" der Maschinengewehre hackt die besessene Elektra mit dem Beil, das ihren Vater beseitigt hat, auf den Objekten ihres Hasses noch ein bisschen herum.

Im Hintergrund tanzt aber ein schönes Feuerwerk, das wohl auf die jubelnde Musik verweist. Konwitschny hat die Klänge optisch verdoppelt, um den Kontrast mit den Leichenbergen noch zu verstärken. Denn was er hier vorgefunden hat, duldet keinen Hauch des Versöhnlichen. Gewalt führt hier nicht aus der Zone der Gewalt heraus. Vielmehr zurück in ihr Zentrum.

Das Orchester unter Lothar Zagrosek liefert für das Ganze eine solide Version der musikalischen Unruhe. Weder im Zarten noch im Extrovertierten geht man allerdings an die Grenzen. Das hilft den Sängern, lässt aber Exzessives vermissen. So ist das aber öfters bei Strauss. (Ljubisa Tosic/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30. 11. 2005)

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