MAK: "Bilder der fließenden Welt"

29. November 2005, 18:32
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Umfangreiche Schau zum japanischen Farbholzschnitt -vor allem in den städtischen Vergnügungsvierteln fanden die Meister des Ukiyo-e ihre Motive

Wien - Das Wiener Museum für angewandte Kunst besitzt eine beachtliche Sammlung von etwa 4200 Blättern zum Thema Ukiyo-e. Etwa 600 der japanischen Holzschnitte und Malereien, die zwischen dem 17. und dem 20. Jahrhundert entstanden, sind bis Ende März nächsten Jahres in der MAK-Ausstellungshalle in der Weiskirchner Straße zu sehen. Die komplette Sammlung ist ab sofort über die Homepage des MAK abrufbar. Der Katalog zur Ausstellung ist ebenfalls digitalisiert, dreisprachig (deutsch, englisch, japanisch) und mit komplexen Suchfunktionen ausgestattet, erschienen.

Die Schau Ukiyo-e Reloaded bereitet die Japan-Bilder als Phänomen einer urbanen Massenkultur auf. Ukiyo-e bedeutet "Bilder der fließenden Welt". Die Tradition entstand zu Anfang des 17. Jahrhunderts mit dem Aufkommen eines Bürgertums in den Städten. Die bedeutendste Ausprägung zeigte sich im Farbholzschnitt. Neben Darstellungen der Natur waren es vor allem alltägliche Szenen aus dem Theater- und Vergnügungsviertel von Edo, die ins Bild gerückt wurden, und - durchaus als frühes massenkulturelles Phänomen zu verstehen - mode-, stil- und typusprägend wirkten. Sie dienten der Unterhaltung bzw. dem Evozieren und Stillen von Bedürfnissen. Aufwändig und folglich arbeitsteilig produziert, unterlagen die Holzschnitte einem permanenten stilistischen Wandel. Der Publikumsgeschmack war entscheidendes Argument für die Verleger.

Stars und Idealbilder

Ein zentrales Kapitel der Schau ist der Metropole Edo gewidmet, die um 1730 bereits über eine Million Einwohner zählte. Und: In Edo entwickelte sich eine durchaus mit der Gegenwart vergleichbare Starkultur. Die Kurtisanen und Geishas wurden in der jeweils aktuellen Mode in Holz geschnitten. Deren männliche Pendants waren die Darsteller des Kabuki-Theaters. Im Mittelpunkt der Präsentation steht hier der Starchronist der Stadt, Ando Hiroshige, ein Ukiyo-e-Meister des 19. Jahrhunderts.

Anhand der Blätter aus der MAK-Sammlung lässt sich auch der Wandel des Schönheitsideals zeigen bzw. der Einfluss, den einzelne Künstler auf das Frauenbild ihrer Zeit ausübten: Die Kaigetsudo-Meister liebten es üppig, Suzuki Harunobu bevorzugte den Typ "Mädchen", Torii Kiyonaga liebte es hochelegant, der berühmte Kitagawa Utamaro schließlich prägte mit dem sinnlichen Typ den Zeitgeschmack - und weit darüber hinaus - das Japan-Bild des Westens. Die Farbholzschnitte wurden nach der Öffnung Japans auch in Europa in relevanten Mengen verbreitet und beeinflussten maßgeblich Impressionismus, Jugendstil und Art déco.

Neben Kurtisanen und Schauspielern zählten Dichter und Helden aus den Klassikern der japanischen und chinesischen Literatur zu den Hauptmotiven aus der "fließenden Welt". Vor allem der um das 11. Jahrhundert angeblich von der Hofdame Murasaki Shikibu verfasste Roman zum Liebesleben des Prinzen Genji bot ein unerschöpfliches Repertoire an Motiven.

Was massenhaft Verbreitung fand und damit stil- wie meinungsbildend wirkte, wurde naturgemäß auch zu Propagandazwecken eingesetzt: Darstellungen aus dem Ersten Sino-Japanischen Krieg (1894/95) ist das siebte Kapitel von Ukiyo-e Reloaded vorbehalten. Mit der Verbreitung der Fotografie in der Meiji-Zeit (1868-1912) wurde die Kunst des Holzschneidens zunächst ins Abseits gedrängt. Da Fotos aber oft die unangenehme Eigenschaft forcierter Objektivität aufweisen, kam es zu einer Renaissance der Drucke: In den nach Fotos geschnittenen und mit viel Fantasie angereicherten Blättern ließen sich Heldentugenden doch besser hervorheben. Die Landschaften und Reiseberichte von Hokusai und Hiroshige belegen den Höhepunkt des Ukiyo-e. (Markus Mittringer/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30. 11. 2005)

  • Aus der MAK-Präsentation "Ukiyo-e Reloaded", Utagawa Kunisada I. (1786-1864) "Suikoden-Helden der heutigen Zeit: Nakamura Shikan als Keiriki Tomigoro", 1861.Bis 26. 3.
    foto: mak/georg mayer

    Aus der MAK-Präsentation "Ukiyo-e Reloaded", Utagawa Kunisada I. (1786-1864) "Suikoden-Helden der heutigen Zeit: Nakamura Shikan als Keiriki Tomigoro", 1861.

    Bis 26. 3.

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