Seibersdorf läuft heiß wie einst der Versuchsreaktor

8. Dezember 2005, 18:39
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Am Freitag sollen die Weichen für die Zukunft des Forschungszentrums gestellt werden. Ein potenzieller Chef: Ex-Minister Reichhold

Wien – Das Tauziehen um die Macht über die Austrian Research Centers (ARC) droht endgültig zu einem Kampf "jeder gegen jeden" zu werden. Am Dienstag waren nicht einmal mehr die Frontlinien klar erkennbar, sie verlaufen quer durch alle Lager. Während die Syndikatsgruppe A, also das Infrastrukturministerium, wenigstens ungefähr weiß, wer und was bei Österreichs größter außeruniversitärer Forschungsgruppe künftig abgehen soll, ist die aus rund 50 heimischen Industriebetrieben bestehende B-Gruppe uneinig wie nie zuvor.

So hat sich im Dunstkreis der Industriellenvereinigung eine Gruppe herauskristallisiert, die nicht nur mit einer Ablöse des wissenschaftlichen ARC-Geschäftsführers Erich Gornik spekuliert, sondern sich sogar vorstellen kann, Ex-Verkehrsminister Mathias Reichhold (jetzt bei Magna) als Vorstand zu installieren. Auch die Berufung eines dritten Geschäftsführers für angewandte Forschung kann man sich vorstellen.

"Keine Versorgungsanstalt für Ex-Politiker"

Die ablehnende Antwort eines industriellen Eigentümers, der nicht genannt werden will, ließ nicht auf sich warten: "Wenn Reichhold kommt, dann gibt es eine konzertierte Aktion für den Austritt der Industrie aus Seibersdorf." Denn die ARC seien keine Versorgungsanstalt für Ex-Politiker. "Seibersdorf braucht einen, der die Leistungen verkauft. Und einen Finanzer, der die finanzielle Basis schafft. Und sonst nichts", sagt der Industrielle.

Andere in der eigens zur Lösung der Probleme installierten gemeinsamen Reformarbeitsgruppe aus Ministeriums- und Industrievertretern drängen gleich auf den totalen Rückzug der Politik: Die Politik habe genug Schaden angerichtet, und die Wirtschaft wisse besser, mit welcher Strategie die Seibersdorfer am Markt reüssieren könnten, wie es heißt.

Das allerdings könnte teuer kommen. Zieht sich die Politik zurück, müsste die Industrie die Haftungen für die bereits 2000 eingeleitete Entsorgung des Atomreaktors in ihre Bücher nehmen. Ein Ansinnen, das sie bisher gescheut hat wie der Teufel das Weihwasser, handelt es sich dabei doch um Aufwendungen, die seinerzeit mit "jenseits der 70-Millionen-Euro-Grenze" beziffert worden waren.

Krisensitzung

Ob die am Dienstagnachmittag bei Vizekanzler und Infrastrukturminister Hubert Gorbach anberaumte Krisensitzung mit ARC-Aufsichtsratspräsident Richard Schenz die Wogen glätten konnte, stand zu Redaktionsschluss nicht fest. Der Druck, der auf Schenz lastet, ist jedenfalls groß. Ihm wird insbesondere von der Industrie angekreidet, dass er die Seibersdorfer vor den Beamten nicht ausreichend beschützt habe. Schenz' Ablöse – den Präsidenten stellt immer die Industrie – konnte er bis dato verhindern. Zupass kam Schenz dabei, dass Wunschkandidat Peter Mitterbauer eine Kampfabstimmung ablehnte.

Ein bisschen Zeit zum Aufräumen bleibt den ARC-Eigentümern noch: Die entscheidende Aufsichtsratssitzung ist erst am Freitag, und die Gesellschafterversammlung, in der Umbau und Vorstandsbestellung (gesucht: ein Finanzchef) fixiert werden muss, findet am 15. Dezember statt. (Luise Ungerboeck, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.11.2005)

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