Das exemplarische grüne Dilemma in der Steiermark

29. November 2005, 17:35
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Die grünen Wolkenschieber

Graz – Er wisse es auch nicht. Warum die Grünen in ihrer Geburtsstadt Graz seit mehr als 20 Jahren am Fleck stehen bleiben, während sie in anderen Landeshauptstädten reüssieren, bedauert Günther Tischler, Gründungsmitglied der Alternativen Liste Graz (ALG), die als "Urzelle" der Grünen Anfang der 80er in den Grazer Gemeinderat einzog. "Die Grünen haben all die Jahre irgendwie im eigenen Saft weitergebrodelt und sich nicht für Neues geöffnet."

Fazit: In Graz – und seit der Landtagswahl nicht nur dort – fahren ihnen die Kommunisten um die Ohren. In Grazer bürgerlich-grünen Kernbezirken hat die KPÖ bereits das Sagen. Ein Zwei- Mann-Team, Ernst Kaltenegger und Chefideologe Franz Stephan Parteder, haben den Grünen gezeigt, wie moderne Basispolitik funktionieren kann, sagt Tischler. Während die Grünen Wolken verschoben haben. Nun soll der Bundespolitiker Werner Kogler, ehemals rechte Hand von Günther Tischler im Grazer Gemeinderat, die steirische Grünpolitik neu ausrichten.

Aber wie, sie klemmt ja auch im Bund? Die "Kogler- Lösung" entspricht zumindest der Sehnsucht der Basis nach einer Rückorientierung in bessere Zeiten – Kogler war ein angesehen-gefürchteter Grazer Kommunalpolitiker der ersten Stunde – , es ist aber auch ein weiteres Indiz fehlender Beweglichkeit.

Mit Kogler wird erst wieder einer aus dem Parteiestablishment geholt und nicht jemand, der vielleicht direkt aus den neuen jungen Bewegungen kommt. Die Kritik in der Steiermark wurde ja auch deshalb laut, weil sich die Führungsschicht abgeschottet hatte, kaum Junge ans Ruder ließ und abgehoben elitär wirkt. Ganze Generationen von Nachwuchshoffnungen hatten der konservativen Führungselite in den letzten Jahren frustriert den Rücken gekehrt.

Dazu kommt: Vieles an grünem Konfliktpotenzial, das durch die Wahlerfolge verdeckt war, kommt jetzt wieder hoch: Basis gegen Führungselite, Bürgerliche gegen Linke, Urbane gegen ländliche Schnellstraßengegner, Biertisch Grünphilosophen gegen Seitenblicke- Schicke. Es fehlt nach wie vor der markante grüne Markenauftritt.

Das Problem ist lange bekannt und wurde offensichtlich bis heute nicht gelöst. "Die Kanten sind abgeschliffen. Wir agieren nur noch defensiv und ängstlich. Der Stachel ist weg." Diese Diagnose stammt vom Grazer Gründungsmitglied der Alternativen, Doris Pollet- Kammerlander. Aufnotiert im STANDARD, im Oktober 1993. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.11.2005)

Von Walter Müller
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