Bilder der fließenden Welt

29. November 2005, 18:22
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Japan im Wandel der Zeit: Dargestellt in über 600 Farbholzschnitten, zu sehen im Wiener MAK

Wien - Einen "Schatz" aus seiner Sammlung, wie Direktor Peter Noever betont, zeigt das Museum für Angewandte Kunst (MAK) von 20. November bis 26. März 2006: 600 japanische Farbholzschnitte vom 17. bis 20. Jahrhundert sind unter dem Titel "Ukiyo-e Reloaded" zu bestaunen. Auf diesen ist der japanische Alltag, mit Vergnügungen sinnlicher und geistiger Natur, Stars aus Theater und Sport, aber auch Naturdarstellungen und Kriegsberichten, dargestellt - und die Schau weiß zu faszinieren.

In einen Studiensaal hat sich die Ausstellungshalle verwandelt. Lange Reihen an Vitrinen, mit Wellpappe umkleidet, durchziehen den stark abgedunkelten Raum. Und was sich in diesen Vitrinen entfaltet, ist die Massenkultur eines Landes, das dieses Phänomen schon gekannt hat, als hier zu Lande noch Mozart gelebt hat. Blatt um Blatt zeigt die Japaner beim Feiern und Lieben, illustriert die Bedeutung von Schauspielern und Prostituierten, von Kinderspiel und Festen, von Essen und Trinken in Edo, dem heutigen Tokio, das schon 1730 eine Millionenstadt war.

Promi-Leben in Holz

Ukiyo-e heißt ursprünglich "Bilder der fließenden Welt", und diese boten, was im Westen heute der Jahrmarkt der Eitelkeiten in Society- und Boulevardberichterstattung leistet: Möglichst schnell nach dem Tod eines Schauspielers wurden Totenbilder auf den Markt geworfen, um den Fans das Geld aus der Tasche zu ziehen. Bilder der berühmtesten Gasthäuser, von Kurtisanen und aus dem "extremen Vergnügungsviertel" (Noever) der Stadt, und auch Berichterstattung aus dem japanisch-chinesischen Krieg gingen über den Ladentisch, unter demselben wurden Erotik-Serien verkauft.

Die Warnung von Kurator Johannes Wieninger, MAK-Kustode für Ostasien und Islam, dass niemand diese in sieben Kapitel geteilte Ausstellung in nur einer Sitzung ansehen kann, hat ihre Berechtigung. 600 Holzschnitte mit Begleittext wollen erst einmal bewältigt werden - die Faszination, die von diesem neuen Blick in die Alltagskultur einer fremden und vergangenen Welt ausgeht, ist jedoch groß genug, um länger als gewollt zu verweilen. Nicht zuletzt die französischen Impressionisten und die Wiener Secession war von den Ukiyo-e inspiriert.

Internet-Galerie

Wer trotz Gratiseintritt am Samstag jedoch den Weg nicht oft genug ins MAK findet, um alle Blätter zu würdigen, hat dazu noch andere Chancen. Auch im Internet ist die gesamte Ukiyo-e-Sammlung mit rund 4.200 Werken im WWW abrufbar (siehe linke Spalte), die "mit enormen Eigenmitteln" (Wieninger) des MAK digitalisiert wurden. Weiters erscheint zur Ausstellung ein aufwändiger elektronischer Katalog (29,90 Euro, ISBN 3-7757-1755-2) auf einem DVD-CD-Mischling. Per DVD-Player kann man sich die Werke am heimischen Fernseher oder Computer ansehen, auf dem CD-Teil sind am Computer lesbare Katalogbeiträge, Infos zur Sammelgeschichte und zur Geschichte der Holzschnitte abrufbar. Und wer sich in ein Werk verliebt und es gerne zu Hause hätte, kann das neue "Print on demand"-Service nutzen und sich seinen ganz persönlichen Druck (5,50 Euro) erstellen lassen.

Zur Verwirklichung der Schau hat das Museum zwei Jahrzehnte gearbeitet. Die Ostasien-Sammlung des MAK umfasst über 20.000 Objekte. "Dieses Segment ist ein ganz wesentlicher Beitrag dieses Hauses", ist Noever überzeugt. (APA)

  • Utagawa-Schule / Utagawa school. Erdbeben, Sturm, Feuer und der Vater, ca. 1855­/1859
    foto: mak/georg mayer

    Utagawa-Schule / Utagawa school. Erdbeben, Sturm, Feuer und der Vater, ca. 1855­/1859

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