Verständnis für Bode Miller

2. Dezember 2005, 16:41
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Auch ÖSV-Präsident Schröcksnadel hält im Interview Doping-Sys­tem für unmenschlich: "Er sagt, was sich alle anderen nur denken"

Denver - Peter Schröcksnadel steht als ÖSV-Präsident seit 1990 dem erfolgreichsten Skiverband der Welt vor. Der Verband hat heuer seinen 100. Geburtstag gefeiert, der 64-jährige Tiroler seine Funktion für weitere drei Jahre bis 2008 verlängert. In Kanada, wo der Unternehmer ebenfalls Geschäfte betreibt und auch ein Haus besitzt, wohnte er vergangenes Wochenende den Herren-Weltcuprennen bei. Und erklärte dabei im APA-Interview, warum er mit Frank Stronach fühlt und er Doping kategorisch ablehnt, aber trotzdem Verständnis für die Kritik von Bode Miller hat.

Das neue ÖSV-Trainingscenter in Sun Peaks ist offenbar ein Volltreffer. Zufrieden?

"Sehr. Damen und Herren konnten dort den ganzen Tag parallel unter Rennbedingungen trainieren. Wir sind dort bis 2010 exklusiv, das Ressort ist ja nicht weit weg von Whistler und den Olympia-Pisten. In Sun Peaks können wir auch während der Spiele in Vancouver abgeschirmt trainieren."

Sie sind ja selbst ein bisschen Austro-Kanadier, fühlen sie als Unternehmer mit Frank Stronach?

"Es ist schade. Er hat ein Herz für den Sport gehabt und fast nur Neid geerntet. Wenn es schon Leute gibt, die bereit sind, so viel Geld auszugeben, dann sollte man diese Menschen hegen und pflegen, sie mit Samthandschuhen anfassen. In Österreich passiert genau das Gegenteil. Er hat einfach keine Anerkennung bekommen."

Man warf Stronach vor, sich zu sehr in den Sport eingemischt zu haben. Wie halten Sie das?

"Bei uns entscheiden ausschließlich die Trainer und ich habe noch nie eine Trainerentscheidung korrigiert. Das würde ich nie tun. Das einzige, was ein Verantwortlicher tun kann, ist, den Trainer zu wechseln. Aber Dreinreden bringt nichts. Die Harmonie in der Mannschaft ist oft wichtiger als Geld."

Warum werden Sie nicht im österreichischen Fußball aktiv?

"Das wäre sicher reizvoll, ich habe ja selbst in der Regionalliga gespielt. Ich würde mir deshalb aber nicht zutrauen, dass ich vom Fußball genug verstehe. Ich verstehe was vom Skifahren."

Aber Wirtschafs- und Organisationshilfe würde doch schon reichen. Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz hat in Salzburg auch den Schritt getan.

"Man kann das Wirtschaftliche nicht vom Sport abkoppeln. Nur eine Seite zu verstehen, ist zu wenig. Ich war immer Wacker-Anhänger und man hatte mich schon vor Jahren gebeten, den Klub in der Krise zu übernehmen. Aber ich versteh von Skifahren was und da will ich auch bleiben. Mateschitz hat auch einen guten Mann, der das alles managt."

Was sagen sie zu den jüngsten Aussagen von Bode Miller?

"Ich bin absolut gegen Doping. Aber ich verstehe, was er sagt. Wie das derzeit abläuft, das ist wirklich unwürdig. Miller sagt, was sich alle anderen nur denken."

Was denken Sie?

"Diese Whereabout-Regeln sind einfach übertrieben, diese Meinung vertrete ich auch im FIS-Vorstand. Man kann einen Menschen nicht so so entmündigen, dass er stets erreichbar sein muss. Michael Walchhofer wurde vom Dopingfahnder nicht angetroffen, weil das Hotel zu war und er ein paar Kilometer weiter bei der Atomic-Feier war. Er hat damals eine offizielle Verwarnung bekommen. Man hätte sich nur ein klein wenig erkundigen müssen. Es kann nicht sein, dass ein Hermann Maier oder ein Benni Raich um zehn am Abend aus dem Bett geklingelt werden, das ist ja Verfolgung."

Aber Millers Aussagen zur Quasi-Freigabe des EPO-Levels?

"Mit EPO kenn' ich mich zu wenig aus. Doping soll man natürlich bekämpfen, nur das Wie, und was ich als Dopingmittel verurteile, dass sollte man überlegen und auf wirklich ernsthafte Dinge beschränken. Das Thema beim Doping ist ja nicht, dass sich jemand selbst verunstaltet. Jeder soll mit seinem Körper machen, was er will. Es geht aber um Unfairness gegenüber dem Mitbewerber. Wenn sich also einer durch unfaire Mittel einen Vorteil holt. Es ist lächerlich, wenn 80 Prozent der Athleten Asthma haben."

Miller meint, ausschließlich die Gesundheit sollte das maßgebliche Kriterium sein.

"Nein, es ist schon auch eine Frage der Fairness. Alles was der Körper normalerweise produziert, soll er auch haben. Man sollte nur Sachen nicht additiv nehmen dürfen, wo dann also eher eine Rolle spielt, ob der Arzt gut ist oder nicht. Sport soll Sport bleiben."

Die FIS hat angekündigt, Media Partners aufzukaufen um die Weltcup-Rechte endlich unter einem Dach zu haben.

"Das wird die FIS nicht tun. Das Risiko ist finanziell zu groß. Die Entscheidung ist gefallen."

Ihre Meinung zum umstrittenen Modus der Abfahrtsqualifikation?

"Ein Thema für's nächste Jahr. Mein Lieblings-Vorschlag: Die ersten fünf sind Junge, die vorne weg fahren können. Die Besten fünf oder sechs im Training können ihre Nummer wählen, der Rest wird verlost."

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    "Man kann das Wirtschaftliche nicht vom Sport abkoppeln"

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