Wo Schüler in Uniform auf die Flagge schwören müssen

6. Juni 2006, 11:11
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Nationalstolz auf ein "paradoxes Schulsystem": Einen "cultureclash" erlebt eine Autorin des SchülerStandard derzeit bei ihrem Schuljahr in Colón, Panama

Jetzt ist schon wieder Montag. Montag kann ich nicht ausstehen, aber da bin ich nicht die Einzige. Am ersten Wochentag versammeln sich alle der katholischen Privatschule "La Salle Margarita" um gemeinsam zu singen und zu beten. Beim Läuten trottet die Gesellschaft in die Mitte des Hofes. Es braucht immer ein bisschen, bis wir uns in Reihen aufgestellt haben, nach Schulstufe und Geschlecht geordnet. Dann fällt eine Stille über den Hof; auf der Veranda eröffnet der strengste Lehrer der Schule, der einem Militärkommandanten gleicht, die Zeremonie. Die Schulband spielt die blecherne "La Salle"-Hymne und der Direktor marschiert durch die Reihen und sorgt für Disziplin.

Schwören auf die Flagge

Wir beten, während die Sonne aufgeht und ihre Hitze verbreitet. Dann kommt der Teil mit dem Nationalstolz: Die Band spielt die Landeshymne und ein Schüler darf die Flagge hissen. Manche beobachten das mit Langeweile, andere mit Ehrfurcht. Wir müssen auf die Flagge schwören. Nachdem Neuigkeiten und Erfolge der Schüler verlautbart wurden, eilen alle in ihre Klassen, um nicht zu spät zu kommen und ausgesperrt zu werden. Dann beginnt der Unterricht.

Paradoxes Schulsystem

Es ist paradox, wie das Schulsystem hier abläuft. Einerseits sind die Leute fröhlich und locker. Andererseits bedacht auf Regeln. Für alle Schüler Panamas gilt die Schuluniform. Anfangs war ich skeptisch, aber inzwischen genieße ich die Vorteile: Ich muss morgens nicht überlegen, was ich anziehen soll und ich falle nicht durch die Kleidung auf, wo ich doch sowieso schon so "extraterrestre" (außerirdisch) bin. Die Uniform soll die Unterschiede zwischen den sozialen Schichten ausbügeln. Obwohl Panama eine breite Mittelklasse hat, gibt es "schillernde" Reiche und "schmutzige" Arme, was für mich erschreckend ist. An der "La Salle Margarita" findet sich nur die Mittel- bzw. Hochklasse, weil Privatschulen teuer sind. Doch wer eine gute Ausbildung für seine Kinder will, muss das in Kauf nehmen.

Andere Arbeitsmoral

Jeden Schultag gibt es mehrere Examen. Sobald in einer Stunde neuer Stoff gelernt wurde, wird ein Test darüber angesetzt. Dazu gibt es Hausübung und Projekte über mehrere Wochen, die perfekt sein müssen. Die Schüler sind zum hart Arbeiten gezwungen und bleiben - wenn es sein muss - bis drei Uhr morgens auf, um an einer Aufgabe zu feilen. Die Arbeitsmoral der Jugendlichen kann man teilweise auf ihre Herkunft zurückführen. Panama hat eine vielfältige Population, die mit dem Wort "Regenbogenkultur" bezeichnet wird. Vor allem durch den Kanalbau kamen Menschen von verschiedenen Kontinenten in dieses kleine Land zwischen Atlantik und Pazifik. So finden sich unter den 3,1 Mio. Einwohnern Panamaer mit chinesischer, amerikanischer, afrikanischer, arabischer, lateinamerikanischer, indianischer und europäischer Herkunft. Die Panamaer bezeichnen diese kulturelle Vielfalt als eine bunte "sopa" (Suppe).

"Das Schultor wird zugesperrt"

Die Schule wirkt wie ein Gefängnis. Morgens, beim zweiten Läuten wird das Schultor zugesperrt und trennt Lernende und Lehrende durch Gitter und ein bisschen Stacheldraht vom Rest der Welt. Nach sieben Einheiten und zwei Pausen wird das Tor wieder geöffnet. Und erstaunlich ist doch, dass alles innerhalb dieser Grenzen unbeschwert wirkt. Die Mentalität der Panamaer habe ich zwar noch nicht durchschaut, aber ich kann viel aus ihr lernen. (DER STANDARD, Printausgabe, 29.11.2005)

Von Hannah Berger aus Colón
  • Stacheldrahtzaun trennt die Schüler der "La Salle Margarita" vom Rest der Welt. Trotzdem wirkt alles unbeschwert, erzählt Korrespondentin Hannah von ihrem Auslandsjahr.
    foto: standard/berger

    Stacheldrahtzaun trennt die Schüler der "La Salle Margarita" vom Rest der Welt. Trotzdem wirkt alles unbeschwert, erzählt Korrespondentin Hannah von ihrem Auslandsjahr.

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