Chavez-Berater befürchtet US-Angriff

5. Dezember 2005, 09:31
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Edgardo Langer: "Sie glauben, dass unsere Ölreserven ihnen gehören"

Caracas/Berlin - Edgardo Lander, Berater des venezolanischen Präsidenten Hugo Chavez, befürchtet langfristig einen Militärangriff der USA auf das südamerikanische Land. Grund dafür seien weniger Chavez' Provokationen gegenüber US-Präsident George W. Bush, sondern der Umstand, dass Venezuela über die größten Ölvorkommen des amerikanischen Kontinents verfüge, erklärte Lander in einem Interview mit der links-alternativen Berliner "taz" ("Tageszeitung").

"Neben dem Irak ist Venezuela eines der wenigen Länder, die ihre Förderung noch steigern können", so Lander. "Leider betrachten die USA seit der Monroe-Doktrin von 1823 Lateinamerika als ihren Hinterhof. Sie glauben daher, dass unsere Ölreserven eigentlich ihnen gehören. Vielleicht wird Venezuela ja bald zu einer Gefahr für die nationale Sicherheit der USA erklärt", so der Berater.

Unmittelbar sieht Lander freilich keine Gefahr, selbst wenn Chavez dem Staatsnamen "Bolivarische Republik" auch noch das Präfix "Sozialistische" verpassen sollte. "Noch sind die USA im Irak gebunden. Aber wenn sie wieder freie militärische Kapazitäten haben, könnte es sein, dass sie sich auf uns konzentrieren."

Dass sich die USA mit ihren Drohungen derzeit mehr auf den Iran konzentriere, liege auch daran, dass Venezuela viel für seine außenpolitischen Beziehungen getan habe, sagte Lander zur "taz": "Der Iran ist isolierter als Venezuela. Das macht es den USA schwer, uns zu drohen."

Der Hintergrund des Konflikts zwischen Chavez und Bush sei vor allem ökonomischer Natur: "Die Macht der USA stützt sich auf die Sonderrolle des Dollars als weltweite Reservewährung. Wir haben unsere Währungsreserven in Euro umgetauscht. Wenn Länder wie China, Japan oder Saudiarabien unserem Beispiel folgen, dann wäre es um die wirtschaftliche Vormachtstellung der USA geschehen." Auch dass Venzuela die gesamtamerikanische Freihandelszone (ALCA) sabotiert habe, dürfte die USA sehr geärgert haben, vermutete Lander.

Durch seine Ölvorkommen hat Venezuela aber im Unterschied zu anderen lateinamerikanischen Ländern finanzielle Spielräume und somit eine regionale Führungsposition: "Das drängt uns in diese Rolle. Früher war Venezuela wie viele lateinamerikanische Staaten eher isoliert. Die neoliberale Wirtschaftspolitik hatte in fast allen Ländern Lateinamerikas den Binnenmarkt zerstört. So ist eine starke Abhängigkeit vom Export entstanden. Da fast alle die gleichen Güter exportierten, müssen sie untereinander konkurrieren. Nur vor diesem Hintergrund versteht man, wie revolutionär unsere Bemühungen um einen lateinamerikanischen Binnenmarkt sind."

Das Bild von Chavez als "Populisten" werde auch von den USA nahe stehenden Wirtschaftseliten verbreitet, so sein Berater: "Wer die Interessen des Volkes vertritt, gilt als Populist. Unsere Regierung stand vor dem Problem, mit einem Staatsapparat agieren zu müssen, der von den alten Kräften durchsetzt war. Das führte dazu, dass wir uns bei unseren Reformen nicht auf bestehende staatliche Institutionen stützen konnten. So schickten wir einfach ohne direkte Beteiligung der Gesundheitsbehörden tausende kubanische Ärzte in die sozial schwachen Gebiete." (APA)

Zu Person

Edgardo Lander ist Professor für Politikwissenschaft an der Universidad Central de Venezuela

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