Die Kunst des Nekrologs

27. Dezember 2005, 17:01
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Genießer der Textsorte "Nekrolog" sind diese Woche auf ihre Rechnung gekommen. Besonders exklusiv wurden sie dabei - alles andere wäre überraschend - in "News" bedient ...

Genießer der Textsorte "Nekrolog" sind diese Woche auf ihre Rechnung gekommen. Besonders exklusiv wurden sie dabei - alles andere wäre überraschend - in "NEWS" bedient. Da gedachte der Kulturredakteur unter dem Motto Der andere Nachruf ganz im gewohnten Stil des Magazins des Königs der Nächte und der Herzen: Der letzte Tip - Die letzte Nacht - Das letzte Fest. Zwar verzichtete man auf ein Ranking der 1000 besten Freunde des Verblichenen, aber man wusste, was man ihm schuldig war. Ein "Nachtklubkönig" war er, wie ihm jetzt tölpelhaft hinterhertönt? Schon, aber er besaß auch zwei exzellent geführte Innenstadt-Hotels. Ja, er betrieb früher sprichwörtlich das "Moulin Rouge".

Die Tölpelhaftigkeit, einem König der Herzen das Epitheton "Nachtklubkönig" hinterherzutönen, durch einen Hinweis auf den Besitz zweier exzellent geführter Innenstadt-Hotels relativieren zu wollen, darf in einem Nachruf als kühne stilistische Volte gelten, vor allem wenn er eine Steigerung durch den betriebswirtschaftlich originellen Zusatz erfährt, er habe das "Moulin Rouge" sprichwörtlich betrieben. Die Sprichwörtlichkeit dieser Betriebsführung besteht für "NEWS" darin, dass dort Michael Schottenberg "Warten auf Godot" inszenierte und sich so mit Spätfolgen als Impresario präsentieren konnte. Aber das wissen nicht viele. Weil "NEWS" schwieg.

Kurt Falk als König der Herzen zu präsentieren, war da schon eine wesentlich schwerere Aufgabe. Dem Herausgeber des "ExtraDienst" ist zu bestätigen, dass er in seinem Extradienst über drei Druckseiten von Verleger zu Verleger keine Mühe gescheut hat. Sein Versprechen, noch nie publizierte Erlebnisse aus drei Jahrzehnten zu schildern, versprach vor allem die letzte Gewissheit: Der Mucha kommt!

Zwar legte sich Mucha strenge Zügel an: Wer könnte dem Tycoon, Macher und Getriebenen wahrhaft gerecht werden? Keiner. Deshalb belasse ich es bei Erinnerungen und Beobachtungen. Wer weiß, was er uns sonst alles enthüllt hätte. Aber bei den Erinnerungen und Beobachtungen, bei denen es in dem Nekrolog um Christian W. Mucha geht, dürfte es sich tatsächlich um noch nie publizierte Erlebnisse handeln. Die den Exzentriker, Machtmenschen und Missionar betreffenden Beobachtungen sind hingegen weitgehend bekannt, zumindest in der Branche.

Und Mucha erinnert sich. Ich schrieb nach der Nullnummer über "Die ganze Woche": "Diese Zeitschrift ist so schlecht, dass sie in Österreich Erfolg haben wird." Über "täglich Alles" floss mir "Mit dieser Zeitung versucht Kurt Falk den Intelligenzquotienten der Österreicher auf die höchste Zahl, die sich auf dem Rücken eines Fußballers befindet, zu reduzieren" aus der Feder. Beides hat er mir zwar (schriftlich) vergeben, jedoch nie vergessen.

Nicht eben originell, aber tollkühn, was Mucha damals aus der Feder geflossen ist. Denn schon acht Jahre später, als 2000 meine Tochter Violetta geboren wurde, sandte er mir wieder eines seiner berühmten Faxe. Wenn Falk für etwas berühmt war, dann für seine Faxe. Er gratulierte Barbara und mir zur Geburt unserer zweiten Tochter und meinte, dass man für einen neuen Erdenbürger immer Geld brauche. Falk kündigte an, 500.000 Schilling auf unser Konto zu überweisen, was einerseits unseren Kindern, andererseits seinen Zeitungen in Form einer guten Werbekampagne im "ExtraDienst" zugute kommen sollte.

Und Vorgänge von dieser mediengeschichtlichen Bedeutung waren bisher unpubliziert! Ich bedankte mich artig und übersandte ihm ein 14-seitiges Konzept für eine Zeitung, die ohnehin so schlecht ist, dass sie in Österreich Erfolg haben musste. Falks Antwort war daher logisch: "So haben wir das nicht ausgemacht. Warum quälen Sie mich mit derartigen Details. Gestaltung, Inhalt und Darstellung unserer Werbung werden allein von Ihnen, Herr Mucha, entschieden."

Doch bei Falk hatte Mucha keine Gelegenheit, länger zu quälen. Kurz danach stellte er "täglich Alles" ein. Aber nicht, weil die "ExtraDienst"-Werbung so schlecht war, sondern weil er damit die Arbeitsrechtsprozesse mit seinen Druckern abwürgen wollte. Das muss der Missionar in Falk gewesen sein.

Noch oft spielte Mucha eine Rolle in Falks Leben. Immer wieder fragte er mich, ob ich Nachschub für ihn wüsste, jemanden empfehlen könnte. Mucha empfahl. Oder: Falk galt als Finanzgenie, doch kaum einer ahnte, worin dieses Geschick lag. Einen kleinen Blick hinter diese Kulissen konnten meine Frau und ich durch Zufall werfen. Mucha und Frau warfen. Dafür erlebten sie etwas, das für Falk äußerst selten war. Er gab nämlich zu, dass er sich geirrt hatte und meinen "ExtraDienst", der seine Medien seinerzeit so herabgewürdigt hatte, falsch eingeschätzt hatte.

Kann man sich mehr an seelischer Größe vorstellen, als das Eingeständnis, den "ExtraDienst" falsch eingeschätzt zu haben? Nein, und es ist gut, dass es endlich, endlich aus dem Dunkel der Geschichte noch nie publizierter Erlebnisse heraustritt. Ja, auf seine unnachahmliche Art war Falk auch autistisch. (DER STANDARD; Printausgabe, 29.11.2005)

Von Günter Traxler
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