Grubenunglück: Kumpel in China, ein tödlicher Job

30. November 2005, 09:20
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China zahlt teuer für seinen Energiebedarf: Nirgendwo in der Welt sterben mehr Menschen im Bergbau

...mehr als 6000 waren es im Vorjahr, beim jüngsten Unglück kamen 134 Kumpel ums Leben.


Kumpel stolperten hustend und mit staubigen Gesichtern aus der Zeche, heilfroh, dem Inferno in der Tiefe der Kohlengrube entkommen zu sein. Fernsehbilder vom Bergwerksunglück in der ostchinesischen Provinz Heilongjiang zeigten hektische Rettungsbemühungen um die in mehreren Hundert Meter Tiefe steckenden Bergarbeiter.

Sonntag nach neun Uhr Abend, als 221 Bergleute unter Tage arbeiteten, explodierte Kohlenstaub in den staatlichen "Ostwind"-Kohlegruben der Longmei-Bergbaugruppe. Die Belüftungsanlagen fielen aus, Teile der Grubenoberfläche brachen durch die Wucht der Detonation ein. Bis Montagabend wurden 134 Kumpel tot geborgen. 72 entkamen. 15 Bergleute wurden vermisst.

Die Katastrophenfolge in China ist beängstigend. Am Samstag hatten Staatschef Hu Jintao und Premier Wen Jiabao nach den Chemieunfällen und dem Erdbeben in Jiangxi mit 13 Toten, 8000 Verletzten und 600.000 Obdachlosen das Land aufgerufen, alles zu tun, um große Katastrophen zu verhindern oder ihre Folgen zu lindern. Ihr Appell verhinderte nicht das Unglück knapp 24 Stunden später.

Rekordförderung Chinas Energienot hat die Profite der Kohlebergwerke so stark erhöht, dass die Minenbetreiber jedes Risiko eingehen, um zu neuen Förderrekorden zu kommen. Die jetzige Unfallmine gehört zur Longmei-Gruppe, dem im Dezember 2004 gegründeten drittgrößte Kohlekonzern des Landes. Die Gruppe hat sich ein Jahresziel von 55 Millionen Tonnen Kohle gesetzt. 2006 will sie an die Börse gehen. Im ersten Halbjahr steigerte sie ihre Förderung auf 26,8 Millionen Tonnen Kohle. Im März kam es bereits zu einem Unfall. Bei einer Gasexplosion starben 18 Kumpel.

Kein anderes Land baut so viel Kohle ab wie China, keines zahlt einen so extremen Blutzoll. Wegen der miserablen Arbeitsbedingungen unter Tage starben vergangenes Jahr nach offiziellen Statistiken 6027 Kumpel, mehr als 80 Prozent aller Bergwerkstoten in der Welt. Das jüngste Grubenunglück ist in der makaberen Statistik des Amtes für Arbeitssicherheit, das ab zehn Toten von einem großen Unfall spricht, die 53. derartige Katastrophe seit Jänner.

Am Montag wurde ein fünf Tage zurückliegendes Unglück in einer von einem Dorf betriebenen kleinen Kohlengrube bei Wuan bestätigt. 18 Bergleute waren dort nach einem Wassereinbruch ertrunken. Die Toten konnten erst am Sonntag geborgen werden. Der Grubenbesitzer floh. 2005 droht zum neuen Rekordjahr in der tödlichen Unfallbilanz des Kohlebergbaus zu werden.

Im Schutz der Provinz Offensichtlich kann oder will sich die Zentralregierung nicht gegen die lokalen Behörden durchsetzen. Peking hatte schon im Frühjahr nach drei Großexplosionen in Kohlebergwerken, bei denen mehr als 500 Kohlekumpel starben, die Sicherheitsbestimmungen verschärft.

2004 wurden in Chinas 23.000 kleinen, örtlichen Kohlegruben und in 3000 staatlichen Bergwerken 1,95 Milliarden Tonnen Kohle abgebaut, 250 Millionen Tonnen Kohle mehr als im Vorjahr. Li Yizhong, Direktor des Staatlichen Amtes für Arbeitssicherheit, beschwerte sich am Montag in der Volkszeitung, dass seine Sicherheitsüberprüfungen für alle kleinen Gruben von mehr als einem Drittel der chinesischen Provinzen unterlaufen wird. Für die meisten der bis November untersuchten 12.990 Kleinbergwerke wurden von ihren Provinzen hundertprozentige Unbedenklichkeitserklärungen ausgestellt. Das könne doch nicht wahr sein, kommentierte Li.

Offenbar schützten lokale Funktionäre die Kohlegruben, weil sie Angst vor den wirtschaftlichen Folgen einer Schließung hätten. Bis Ende des Jahres will Peking 4000 Zechen sperren. (DER STANDARD-Printausgabe 29.11.2005)

Johnny Erling aus Peking
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