"Dann muss noch mehr investiert werden"

1. März 2006, 14:03
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Vizerektorin der Meduni Graz Herlitschka beim UniStandard-Talk: Nur so könne die EU ihr Ziel erreichen, stärkste wissensbasierte Region zu werden und mit den USA zu konkurrieren

Wien - Großkoalitionäre Gefühle wurden bei dem UNISTANDARD-Talk in der modern-transparenten Lounge des Museumsquartiers nicht geweckt. Mit der ÖH-Chefin Rosa Nentwich-Bouchal (GRAS) wurde zwar kurz Händchen gehalten, eine inhaltliche Annäherung gab es aber trotz des vorbildlich-guten Gesprächsklimas nicht. Bei dieser lebhaften Debatte, moderiert von UNISTANDARD-Leiterin Bettina Reicher, wurde letzten Dienstag vor allem eines deutlich: Die Meinungen, was gut für die Universitäten sei, gehen zwischen den Entscheidungsträgern der Regierung, den Studentenvertretern und der Opposition klar auseinander.

Die Vizerektorin der Medizin-Uni Graz, Sabine Herlitschka, vertrat die Universitäten mit konsequenter Forderung nach mehr finanzieller Zuwendung. Ihr Bekenntnis zur Wissensgesellschaft griffen die beiden Nationalratsabgeordneten Gertrude Brinek (ÖVP) und Andrea Kuntzl (SPÖ) auf. Dies, und der Wunsch nach "nur Gutem" für die heimischen Hochschulen waren aber die einzigen Schnittstellen der beiden Politikerinnen. Denn der politische Weg zu "diesem Guten" sieht für die Großparteien sehr unterschiedlich aus.

Als Schritt in die richtige Richtung sieht Herlitschka die von der Regierung versprochene Finanzspritze von zwei Milliarden Euro ab 2007. Die im Dreijahresintervall ausgezahlten Gelder seien für Forschung, Entwicklung und Innovation unerlässlich. "Will Österreich und die EU wirklich die stärkste wissensbasierte Region werden und mit den USA konkurrieren, muss noch mehr investiert werden", klopft die Rektorenvertreterin auf den Tisch. Als absolut notwendig deklariert Nentwich-Bouchal die finanzielle Unterstützung der Studenten und Unis und mahnt - wie Kuntzl - die Einhaltung der Regierungsversprechen ein. "Die zugesagten Gelder fallen immerhin in die Zuständigkeit des nächsten Parlaments".

Dass die Studierenden in solche Prozesse nie eingebunden würden, kritisiert die ÖH-Spitze scharf. Die Zugangsbeschränkungen und die Verwaltung der Gelder durch die Rektoren beurteilt Nentwich-Bouchal kritisch: "Die Entscheidungen fallen im kleinen Kreis um den Rektor, ohne uns Studenten einzubinden."

Brinek kontert, dass durch die Angleichung des Hochschülerschaftsgesetzes eine europäische Wettbewerbsfähigkeit hergestellt wurde, was Kuntzl als "durchaus originell" bezeichnet: "Das war eine Anpassung nach unten."

Teile des UG 2002 wie die Uni-Autonomie sieht Herlitschka als extrem wichtigen Punkt: "Aus Managementgesichtspunkten ist es sehr spannend geworden." Allerdings greife die Selbständigkeit noch nicht überall, bis 2030 gebe es etwa noch pragmatisierte Stellen. Diese nicht disponiblen Posten würden 80 Prozent des Budgets der Grazer Medizin-Uni verschlingen. Brinek, die Herlitschka zum virtuellen Auswahlverfahren gratulierte, verteidigt das pragmatisierte Personal: "Auch mit diesem ist es möglich, Profilbildung zu betreiben."

"Die Entscheidung zur Exzellenz ist für mich beschlossene Sache", urteilt die Grazer Vizerektorin Sabine Herlitschka. Ob für die breite Masse oder ausgewählte Studenten, war einer der Knackpunkte bei dem UNISTANDARD-Talk. Was "Weltklasse" bedeutet, legten die vier Diskutantinnen unterschiedlich aus. "Sie soll nicht durch Konkurrenzkampf zwischen den Unis geschaffen werden, sondern durch Zusammenarbeit", meint Nentwich-Bouchal. Dass Konkurrenzdenken nichts Negatives sei und in der Leistungsgesellschaft von heute allgegenwärtig, wie die übrigen Mitdiskutantinnen einwerfen, lässt die ÖH-Chefin nicht gelten.

Abgenutzter Begriff

Für Herlitschka hat sich der Begriff abgenutzt: "'Weltklasse' ist inflationär verwendet worden." Wirklich gemeint sei die Exzellenz, die nicht aus dem Stand aufgebaut werde: "Es genügt nicht, ein paar Millionen auf ein Projekt zu werfen." Profilbildung sei in der globalen Wissensgesellschaft unerlässlich. Dieser fühlt sich auch Brinek verpflichtet: "Wir haben keinen Meereszugang, wir haben kein Uran. Bildung ist unser wichtigster Rohstoff." Wissen sei die Ressource der Zukunft, es dürften keine Kompetenzen von Lehre und Studium abgezogen werden. Durch die Autonomie der Hochschulen sei "die Entscheidungskompetenz dort wo auch das Wissen ist".

Den von Brinek geforderten "Aufholbedarf" bei Post-doc-Programmen kommentiert Kuntzl lakonisch: "Wenn es zum Dach reinregnet, kaufe ich mir keinen Mercedes", und verweist auf den Handlungsbedarf weiter unten in der Bildungspyramide. Für sie sei es wichtiger, dass es viele Menschen so weit bringen wie möglich.

Das Ende der budgetären Hungerjahre im Jahr 2007 sei kein Grund für ungebremsten Jubel. Immerhin seien knapp 500 Millionen für die Gebäudesanierung reserviert, was eine Förderung der Bauindustrie sei: "Sicher nicht zum Erreichen der Weltklasse, sondern zur Aufrechterhaltung des unerfreulichen Status quo." Bei der Zielvorgabe "Weltklasse" müssten erst die Studienbedingungen verbessert werden, bevor man einen Studienabschluss in Mindestdauer fordert.

Hier zieht Kuntzl mit Nentwich-Bouchal an einem Strang. Für die ÖH-Chefin liegen die Fehler weiter zurück: "Wir haben seit 20 Jahren eine Vervierfachung der Studierendenzahl, aber nur eine Verdoppelung der Betreuerzahl. Und das ist sehr wohl budgetäre Präferenz."

Ein weiterer Kritikpunkt am Regierungskurs ist für Kuntzl das UG 2002, das die sozial Schwachen benachteilige und nicht die viel zitierten Karteileichen aussortiere. Brinek erkennt keine soziale Selektion durch die Studiengebühren: "Ich würde auch gerne überall gratis reinkommen, aber Museen oder Ausstellungen kosten eben auch Geld." Durch die Gebühren komme es zu einer "Abschlussmotivierung", zitierte die ÖVP-Abgeordnete eine Studie des Ministeriums: "Es waren wieder mehr Menschen in den Hörsälen." Worauf sich Nentwich-Bouchal heftig gestikulierend über diese Aussage echauffiert. Sie wirft der Regierung vor, eine zweite Studie in Auftrag gegeben zu haben, nachdem die erste nicht das ministeriell gewünschte Ergebnis brachte.

Zur Ministerin fällt Kuntzl das EuGH-Urteil ein, vor welchem diese bereits seit 1999 gewarnt gewesen sei: "Sie hätte das Chaos nicht zulassen dürfen." Nun aber gleich Zugangsbeschränkungen einzuführen, wäre nicht nötig gewesen - eine Übergangsregelung hätte ausgereicht, wie auch der VfGH-Präsident Karl Korinek bestätigt habe. "Gehrer muss das jetzt selbst ausbaden, da kann ich nicht dienen", verwehrt sich Kuntzl.

Hinterher hellsehen

"Hinterher kann jeder leicht hellseherisch sein", blockt die ÖVP-Abgeordnete ab. "Wir wollen eine Sonderstellung für Österreich erreichen und nicht die deutschen Numerus-clausus-Flüchtlinge finanzieren." An der Grazer Medizin-Uni seien von den bisher erfassten Studenten 35 Prozent Deutsche. Ab 2006 sollen mit zeitlich abgestimmten Aufnahmeprüfungen aller Medizin-Unis Mehrfachanmeldungen entgegengewirkt werden.

"In allen Entscheidungen, die für einen freien Hochschulzugang sind", bietet Nentwich-Bouchal dem Ministerium Unterstützung an. Denn "uns sind lieber nur sechs beschränkte Studien als acht." Das Prinzip des freien Hochschulzugangs sollte als europäisches Modell beworben werden, ist die ÖH-Chefin überzeugt. Auch könnten bilaterale Lösungen mit Deutschland zur Verbesserung der österreichischen Universitätslandschaft führen.

Dass heimische Studenten im EU-Durchschnitt zu lange studieren, will Brinek noch festhalten. Nentwich-Bouchal kontert vehement, dass sogar die zitierte Studie zeige, dass österreichische Studenten im EU-Vergleich viel mehr arbeiten müssen, um sich das Studium zu finanzieren. Auf den Einwurf von Moderatorin Bettina Reicher, ob Brinek glaube, dass man ohne Nebenjob heute noch studieren könne, ist diese überzeugt: "Natürlich kann man mit Stipendium, Familienleistungen und einer Zuverdienstmöglichkeit, die steuerfrei diese Lücke schließt, sein Leben finanzieren. Große Sprünge kann man nicht machen, aber so ist das Studentenleben." (DER UNI-STANDARD, Printausgabe)

Von Georg Horvath
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