"Ich will Joschkas Schuhe nicht"

2. Dezember 2005, 16:57
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Die nunmehr kleinste Fraktion will Vordenkerin sein und sich für neue Bündnisse öffnen, sagt die Fraktionschefin der Grünen Renate Künast im STANDARD-Interview

Standard: Als Joschka Fischer seine Führungsrolle bei den Grünen aufgab, ließ er wissen, er sei der letzte Live-Rock-'n'-Roller der Politik gewesen, hinter ihm komme jetzt nur noch die Playbackgeneration. Sind Sie eine Playbacksängerin?

Künast: Nein, bin ich nicht. Es geht auch nicht um Playback. Die moderne Musik hat eine ganz, ganz schnelle Taktfolge, viel schneller übrigens als der Rock 'n' Roll damals.

Standard: Haben Sie Angst, dass Ihnen Fischers Schuhe zu groß sind?

Künast: Ich bin so eine alte Häsin, dass ich Ihnen klar sage: Ich will Joschkas Schuhe nicht anziehen, weil jeder seine eigenen Fußstapfen macht. Die Zeiten ändern sich ja auch, wir müssen uns heute in einem Fünf-Parteien-Parlament etwa ganz andere Gedanken über politische Konstellationen machen als früher.

Standard: Welche sind das?

Künast: Da eine Koalition aus einer großen und einer kleinen Partei rechnerisch nicht mehr möglich ist, wird man im Laufe der Zeit aufhören, in alten Lagern zu denken. Auf den Inhalt kommt es an.

Standard: Könnte es nach den Landtagswahlen in Baden-Württemberg im März 2006 dort eine schwarz-grüne Premiere geben?

Künast: Ich höre, dass sich die CDU dort gerade wieder von den Grünen entfernt. Aber es stimmt: Dadurch, dass wir nach der Bundestagswahl ein Gespräch über eine Jamaika-Koalition (Bündnis aus Union, FDP und Grünen, Anm.) geführt haben, ist eine Tür geöffnet. Die Grünen geben jetzt aber keine Kontaktanzeige auf und suchen jeden Tag sehnsüchtig einen neuen Partner.

Standard: Die Grünen sind in keiner einzigen deutschen Landesregierung mehr vertreten, jetzt auch im Bundestag in Opposition und dort zudem die kleinste Fraktion. Freuen Sie sich aufs Opponieren?

Künast: Wir haben mit 8,1 Prozent eines unserer besten Ergebnisse erzielt. Die Linkspartei hat im Wahlkampf mit reiner Emotionalisierung und Abwehr gearbeitet. Dass das auf Dauer trägt, glaube ich nicht. Und jeder weiß, dass die FDP drei Prozent ihrer Stimmen von der CDU nur geliehen bekam. Natürlich wäre es schöner, in einer Regierung zu sein, weil man da gestalten kann. In der Opposition sind wir als Vordenker gefordert. Die Grünen standen immer dafür, sich unabhängig von Lobbygruppen Gedanken über die Zukunft zu machen.

Standard: Mit welchen Themen wollen sich die oppositionellen Grünen Gehör verschaffen?

Künast: Wir müssen weg vom Erdöl, rein in neue alternative Energie. Das ist kein exklusives Randthema mehr, sondern eine Kernfrage der Wirtschaftspolitik. Wir müssen uns auch Gedanken machen, wie wir Geringqualifizierte in Arbeit bringen. Und wir brauchen ein System, in dem Leistungen des Staates direkt bei den Kindern ankommen.

Standard: Wie soll das funktionieren?

Künast: Wir müssen uns von dem Glauben verabschieden, dass die Menschen mehr Kinder bekommen, wenn die Transferleistungen steigen. Ein Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz und Schulen, wo auf gute Ernährung und Bewegung geachtet wird, ist besser, als den Eltern mehr Kindergeld ins Portemonnaie zu geben.

Standard: Wie wird es sein, jetzt die SPD nach sieben gemeinsamen Jahren in einer Koalition wieder anzugreifen?

Künast: Das will ich gerne tun, da kenne ich gar nichts. Wir haben einander ja auch in der Koalition fröhlich kritisiert. Was glauben Sie, was es da für Kämpfe gab, zum Beispiel über Alternativen zum Erdöl - aber halt intern. (DER STANDARD, Printausgabe, 29.11.2005)

Das Interview führte Birgit Baumann

Zur Person
Renate Künast (49) war Parteichefin der Grünen, bevor sie 2001 ins Agrar- und Verbraucherschutzministerium wechselte. Jetzt ist sie, gemeinsam mit Fritz Kuhn, Fraktionsführerin im Bundestag und wird bei den Grünen als Nachfolgerin von Joschka Fischer gesehen. Dieser will keine zentrale Rolle mehr übernehmen.

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    Renate Künast will Joschka Fischers Schuhe nicht.

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    Abschied von der Macht: Fraktionschefin Renate Künast gibt die grüne Linie vor.

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