Keiner will für gentechnikfreies Essen mehr zahlen

22. Dezember 2005, 11:22
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Nach dem Schweizer Gentechnik-Nein sehen sich die heimischen Gegner der genveränderten Pflanzen bestärkt

...und die Bauern fürchten, dass das Problem auf sie abgewälzt wird.


"Das ist der wahre Wahnsinn!" Was mit dem in der Schweiz beschlossenen Gentechnikverbot auf Österreichs Bauern zukommt, kommt nach der Einschätzung von Bauernbund-Präsident Fritz Grillitsch den Sehnsüchten seines eigenen Standes sehr entgegen - nur über die damit einhergehenden Kosten und deren Verteilung mag niemand so gerne reden. Tatsache ist: In den USA wird durch Einsatz gentechnisch veränderten Saatguts massiv gespart - die Pflanzen aus dem Labor können billiger produziert werden, als es die bei uns angestammte nachhaltige Produktionsweise erlaubt.

Das heiße nicht, dass die österreichischen Bauern dieselben Produktionsbedingungen für österreichische Lebensmittel anstreben würden.

Im Gegenteil, sie stehen zu den bestehenden Anbau- und Importverboten (unter anderem für drei Maissorten): "Wir wollen keine McFarmer werden. Wir wollen die Sicherheit für den Konsumenten - aber es kann nicht sein, dass alles beim Letzten, also beim Bauern abgeladen wird. Wir brauchen einen Mehrpreis für gentechnikfreie Produktion, um mithalten zu können. Und wir brauchen Sicherheit bei Haftungsfragen," sagt Grillitsch.

Sojaschrot immer dabei

Hannes Herndl, Bauer aus Windischgarsten und Präsident der oberösterreichischen Landwirtschaftskammer, erläutert, worum es geht: "Ich kenne keine Bauern, die gerne gentechnisch veränderte Pflanzen anbauen wollen. Aber was sich im Futtertrog findet, ist ein anderes Thema." Bei der tierischen Produktion sind zugekaufte Futtermittel gang und gäbe - und hier ist Sojaschrot aus den USA (zu 80 Prozent aus gentechnisch ertragreicher gemachtem Soja) praktisch immer dabei.

"Im Produkt - also zum Beispiel im Speck - ist nicht nachweisbar, ob da gentechnisch veränderte Futtermittel dabei waren. Es gibt eben Warenströme, die an Österreich nicht vorbeigehen - aber wenn für diese Warenströme und für das, was dann am Tisch landet, der einzelne Bauer haften muss, ist er pleite", sagt Herndl. Ähnlich wäre es mit Verunreinigungen, die zwangsläufig auf den Feldern passieren, wenn EU-weit neue, genveränderte Sorten zugelassen werden. Derzeit gibt es nur eine Maissorte - MON810 von Monsanto - mit EU-Zulassung; sie enthält durch Genveränderung ein für den Maiszünsler, ein Schadinsekt, tödliches Gift.

Berufung aus OÖ

In Oberösterreich gab es ein Gentechnikverbot, das vom EuGH gekippt wurde. Das Land hat am Montag Berufung eingelegt: In einer kleinteiligen Landwirtschaft sei eine gegenseitige Beeinflussung verschiedener Felder nicht zu verhindern. Pollenflug hält sich nicht an Flurgrenzen, nicht einmal an Staatsgrenzen: Wenn Raps mit fremden Genen angebaut wird, kann der über dutzende Kilometer wirksame Pollenflug in heimischen Rapskulturen Verunreinigungen bewirken. Wiederum müsste der Bauer, dem das passiert, dafür haften.

Nationale Verbote - deren EU-Konformität die Bauern ebenso wie Umweltminister Josef Pröll und die Opposition anstreben - könnten also von der Natur durchlöchert werden. Und das, obwohl auf dem Markt keiner für gentechnikfreie Produkte mehr bezahlen will als für genveränderte Industrieware. (DER STANDARD-Printausgabe 29.11.2005)

Conrad Seidl

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