In Elses Seele sitzen

28. November 2005, 19:04
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Wien Modern endete mit Beat Furrers "Fama", das einen mit akustischem Filigranwerk umgarnt

Wien - Es liegt im Zentrum der Welt, "zwischen Land und Meer und Himmel", von dort aus sieht und hört man alles, was geschieht. Tag und Nacht ist es offen, "tausend Zugänge" gibt es und "unzählige Luken": "Das Ganze tönt, gibt Stimmen wieder und, was es hört, wiederholt es. Nirgends ist Ruhe darin und nirgends Schweigen im Hause."

So beschreibt Ovid in seinen Metamorphosen das Haus der Fama, der Göttin des Gerüchts, und Beat Furrer hat für sein gleichnamiges Hörtheater (ein Kompositionsauftrag des SWR und des Klangforum Wien) ein ähnliches Häuschen nachbauen lassen. "Unzählige Luken" gibt es auch da - eigentlich setzen sich alle vier Wände wie auch die Decke des 250 Hörtheaterbesucher fassenden, in die Halle E des Museumsquartiers installierten Klangraums komplett aus schwenkbaren (und unterschiedlich resonierenden) Wandteilen zusammen.

Und wie bei Ovid, der von "leiser Stimmen Gemurmel" berichtet, die man darin vernimmt, von Tönen wie "das letzte Grollen des Donners", wird man auch bei Furrer von akustischem Filigranwerk umgarnt. Zumeist: Denn Fama startet eruptiv. Mit silbergrellen Horrorklängen eröffnet Furrer, zuvor hatte man Else, Arthur Schnitzlers Fräulein Else, gehetzt drei Worte flüstern hören: "Ich will fort."

Ihr Innenleben, auch: ihr inneres Stimmen-Erleben ist es, das Furrer zu klingendem Leben erwecken möchte: Elses Panik, die Angst der mittellosen Bürgerlichentochter vor privater und gesellschaftlicher Bloßstellung, ihre Todesvisionen. Das Haus der Fama wird zum Innenraum der tragischen Hauptfigur, und so kommt der Besucher gleichsam in Elses Seele zu sitzen, verschmilzt mit ihr, erlebt Elses inneres Erleben von innen.

Das funktionierte manchmal gut, und manchmal besser. Beim Verlassen des Kubus schwang neben viel Staunen über die emotionale Präzision und Differenziertheit der Furrer'schen Psychoschau auch ein leichte Enttäuschung mit, dass da doch weniger gewagt wurde, als möglich gewesen wäre. So ereigneten sich etwa drei Viertel des Werks in normaler Konzertsaalkonfrontationsstellung: hier das Publikum, vorne das Orchester plus das (von Christoph Marthaler reduziert eingerichtete) szenische Geschehen.

Dialog mit Flöte

Bei diesem stand Isabelle Menke als Else klar im Mittelpunkt: grandios, wie die Schauspielerin etwa in der 3. Szene einen virtuosen emotionalen Pas de deux mit dem Orchester (Klangforum Wien unter der etwas zurückhaltenden Leitung Beat Furrers) tanzte, bei den vielen Stimmungswechseln den Kontakt mit dem Orchester hielt; wundervoll auch Menkes Dialog mit der Kontrabassflöte (Eva Furrer) in der sechsten Szene, welche Furrer zu einer Art fauchendem knacksendem "Sexophon" mutieren lässt, Elses sexuellen Ängsten akustischen Ausdruck verleihend.

In Donaueschingen, bei der Uraufführung, soll der Jubel groß gewesen sein; in Wien jedenfalls stellte der prasselnde Schlussbeifall in der engen Musikbox das aggressivste Geräusch dar. Vielleicht wäre das ja die ferne Zukunft des Musiktheaters, visionierte man hernach entrückt: Man schwebt in intrauteriner Behaglichkeit in kugelförmigen Gebilden mit durchlässiger Membran, und von allen Seiten strömen Klänge, Bilder und Eindrücke auf einen ein. Das wär' doch was! Wien Modern 2006 kann kommen. (DER STANDARD, Printausgabe, 29.11.2005)

Von Stefan Ender

Nachlese

Das Komponieren von Lebewesen Beat Furrer im STANDARD-Gespräch
  • Der Konzertraum wird bei Beat Furrers "Fama" zum Ort der Gefühle der Schnitzler-Figur Else.
    foto: konzerthaus

    Der Konzertraum wird bei Beat Furrers "Fama" zum Ort der Gefühle der Schnitzler-Figur Else.

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