Härtetest für die französische Gleichheit

9. Dezember 2005, 16:13
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Frankreichs Schwarze organisieren sich erstmals in einem Verband - Zugleich wird über ein Gesetz zur "positiven Rolle" des französischen Kolonialismus debattiert

Frankreichs Schwarze organisieren sich erstmals in einem Verband. Zugleich wird über ein Gesetz zur "positiven Rolle" des französischen Kolonialismus debattiert.

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Nach tausenden abgebrannter Autos bewirken die jüngsten Vorstadtkrawalle in Frankreich ein neues Opfer: die sakrosante Gleichheit aller Bürger, die jede Unterscheidung nach Haufarbe oder Religion verbietet. Am Wochenende ist dieses schöne Prinzip vollends in die Brüche gegangen: Die – nach eigenen Angaben – fünf Millionen Franzosen aus den afrikanischen Exkolonien und den karibischen Überseegebieten haben sich in einem "Dachrat der schwarzen Vereine" (Cran) zusammengeschlossen. Erstmals konstituiert sich damit ein Teil der 60 Millionen Franzosen aufgrund einer ethnischen Besonderheit – in einem Land, wo das Ideal der Egalité auch nur das Anlegen religiöser oder ethnischer Statistiken untersagt, ein unerhörter Akt.

Der "Cran" – diese Abkürzung bedeutet als Wort nicht von ungefähr auch "Kerbe" – geht auf eine Initiative von Pierre Lozès zurück, einem Pariser Apotheker und Mitglied der liberalen Partei UDF, sowie des Grünen-Politikers Stéphane Pocrain. Im Ausschuss sitzt zum Beispiel auch der ehemalige Präsident von "SOS Racisme", Fodé Sylla. Der einzige prominente Abwesende ist der schwarze Komiker Dieudonné, der sein radikales Engagement für die Sklavennachfahren mit antisemitischen Sprüchen verbrämt.

"Schwarz-weiß-braun"

Bei der Gründungsversammlung mangelte es trotzdem nicht an harten Worten für das "rot-weiß-blaue" Frankreich, das sich mit seinem multikulturellen Fußballteam ein "schwarz-weiß- braunes" Feigenblatt gebe. "Ich habe keine Lust, von einem weiß-weiß-weißen Parlament Lektionen in universeller Gleichheit zu erhalten", rief Pocrain unter tosendem Applaus aus, wobei er auf den Umstand anspielte, dass unter den 555 Festland-Abgeordneten der französischen Nationalversammlung kein einziger dunkler Hautfarbe ist. Ein Kollektiv von Überseefranzosen demonstrierte in Paris am selben Tag gegen ethnische Diskriminierungen und für einen Gedenktag zugunsten der "traite des noirs", der jahrhundertelangen Sklaventransporte aus afrikanischen Kolonien Frankreichs.

Für französische Ohren, die an den Heldenkult der nationalen Geschichte gewohnt sind, nehmen sich Wortmeldungen wie etwa zum "Sklavenhalter Napoleon" höchst neuartig aus. Trotzdem hält sich das Staunen in Grenzen. Welches Echo die politischen Forderungen des "Cran" finden, muss sich allerdings erst weisen. Lozès verlangt etwa ausdrücklich die Einführung ethnischer Statistiken, da dies eine unabdingbare Voraussetzung für die breite Förderung der Immigrantenjugend sei. Staatschef Jacques Chirac ist aber kategorisch dagegen.

Aufpolierte Armee

In der umgekehrten Richtung gibt es offenbar weniger nationale Blockaden: Das französische Parlament billigte schon 2004 auf Antrag der konservativen Regierungspartei UMP ein Gesetz zum Aufpolieren der eigenen Kolonialvergangenheit. Es sieht vor, dass die Schulprogramme "insbesondere die positive Rolle der französischen Präsenz", namentlich der Armee, in Nord- und Schwarzafrika herausstreichen.

Dagegen brandet nun eine Welle der Kritik – in Frankreich wie auch in Afrika selbst. Der algerische Präsident Abdelaziz Bouteflika sprach darauf von "mentaler Blindheit", die an Revisionismus grenze.

Die französische Linksopposition reichte im Zusammenhang mit einem anderen Gesetz einen Zusatzantrag ein, um den Begriff "positive Rolle" des französischen Kolonialismus wieder zu streichen. Federführend ist vor allem die Kommunistische Partei, die schon in den 50er-Jahren für die Unabhängigkeit Algeriens eingetreten ist und französische Kriegsfoltermethoden kritisiert hat. Die von den Sozialisten verlangte Abstimmung über den Abänderungsantrag könnte in der Nationalversammlung schon am Dienstag erfolgen. (DER STANDARD, Printausgabe, 29.11.2005)

Von Stefan Brändle aus Paris
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    Einige Millionen Franzosen aus den afrikanischen Exkolonien und den karibischen Überseegebieten haben sich in einem "Dachrat der schwarzen Vereine" (Cran) zusammengeschlossen.

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