Mit Rikschas auf dem Datenhighway

28. November 2005, 18:50
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Im Rahmen der Konferenz "World-Information City" wurde der Strukturwandel der indischen IT-Metropole Bangalore debattiert

Bangalore gilt als Vorzeigemodell der Globalisierung. Vor Ort ist dagegen unübersehbar, dass die Bevölkerungsmehrheit davon nicht profitiert.

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Bangalore – Hunderte Auto- Rikschas – kleine, motorisierte Dreiräder für zwei oder drei Passagiere – ersetzen in Bangalore das öffentliche Verkehrsnetz. Daneben dienen den meisten Einwohnern der Millionenstadt Motorräder, Roller und Mofas als Verkehrsmittel, und vereinzelt reihen sich auch Autos in den vollkommen unregulierten, aber konstant fließenden Verkehr ein, der offenbar einer sehr speziellen, eigenen Logik folgend funktioniert.

Dass die städtische Infrastruktur trotz des Wachstums der Stadt noch nicht vollends kollabierte, verdankt sich wohl nicht zuletzt der Flexibilität der Einwohner, die sich auch mit Gesichtsmasken gegen die unerträgliche Luftverschmutzung schützen.

Ausländische IT-Unternehmen und Callcenters, die sich seit den späten 90er-Jahren in Bangalore niedergelassen haben, erwägen dagegen schon wieder die Abwanderung in andere südindische Städte, die ihnen diesbezüglich noch unverbrauchter erscheinen. Dabei ist die Hauptstadt des Staates Karnataka aufgrund großer Parkanlagen nach wie vor als "Garden City" bekannt, und auch die von der Netbase mitorganisierte Konferenz "World-Information City" ging in einem alten Kino im Cubbon Park über die Bühne.

Nicht unweit vom Konferenzzentrum hatte die Wiener Medienkulturinstitution ihre Ausstellung installiert, in der sie auf großen Bannern ihre avancierte Aufarbeitung zentraler Fragestellungen der Informationsgesellschaft präsentierte: Copyright, Intellectual Property, Überwachung, Digital Divide oder Biometrie heißen die Themenkomplexe, hinter denen sich die gegenwärtigen Umverteilungskämpfe verbergen.

Information City

In Bangalore manifestieren sich die mit digitalen Informationstechnologien verbundenen gesellschaftsverändernden Prozesse bereits gut sichtbar an der Oberfläche: Riesige "IT-Korridore", in die die global operierenden Hochtechnologiekonzerne und Callcenters wie Intel, IBM, Motorola, Siemens, Infosys etc. ihre glänzenden Softwareparks eingepflanzt haben, kennzeichnen die Stadt auf der einen Seite, während auf der anderen Seite die Lokalisierung und Verarmung der Bevölkerung unübersehbar ist.

Von digitalen Menschenrechten und Parallelgesellschaften war dann auch im Rahmen der mit internationalen Gästen besetzten Konferenz immer wieder die Rede: "Während Bangalore weltweit als Erfolgsmodell dargestellt wird, erweist sich das Überleben für die überwiegende Mehrheit dieser Stadt als immer schwieriger", konstatierte etwa Solomon Benjamin, der von den neuen Formen der Enteignung durch eine rücksichtslose Ansiedelungspolitik der IT-Industrie berichtete.

Das Hauptaugenmerk des indischen Urbanisten galt jedoch der Reform der Grundbuchverwaltung mithilfe des Internets: Während diese zweifelhafte "Modernisierung" im Westen als ein entwicklungstechnischer Fortschritt dargestellt wird, weil sie den Bauern den Zugang zu Grundbuchauszügen und damit zu Krediten erleichtern würde, spricht Solomon Benjamin vom Ausverkauf seines Landes.

Denn von der Digitalisierung des Grundbuches würden freilich viel weniger die Bauern als die ausländischen Investoren profitieren, denen dadurch der uneingeschränkte Zugriff auf Landtitel ermöglicht würde. Und während die Politik mit diesen und anderen Investitionsanreizen für ausländische Unternehmen der Globalisierung auf der einen Seite Tür und Tor öffnet, werden auf der anderen Seite unzählige Zugangsbeschränkungen zu Wissen und Information installiert.

Soziale Aufsplitterung

Der amerikanische Historiker und Überwachungsspezialist David Lyon, der sich vor einigen Jahren Zugang zu einem der hoch bewachten indischen Callcenters verschaffen konnte, skizzierte in seinem Vortrag die an staatliche Überwachungsmethoden erinnernden Verfahren, mit denen das Konsumverhalten der Anrufer erfasst wird. Scheint die Postleitzahl eines ärmeren Stadtviertels auf, wird die Leitung unter Umständen nie frei.

Die weit reichenden Folgen dieser allgegenwärtigen Datenerfassung sieht Lyon nicht zuletzt in einer zunehmenden sozialen Fragmentierung der Stadt: diejenigen Stadtviertel, in denen die meisten Einwohner als nicht entsprechend finanzkräftig eingestuft werden, würden auch in Bezug auf die stadtplanerische Fragestellungen unberücksichtigt bleiben.

Die Fragmentierung der Bevölkerung von Bangalore in global orientierte Software-Ingenieure und eine davon weit gehend abgekoppelte, lokal verankerte Bevölkerungsmehrheit manifestiert sich auch im polarisierten Arbeitsmarkt. Laut Christoph Dittrich, der in einer Studie mit dem "Mythos Bangalore" aufräumte, zeichnet sich dieser durch ein Wachstum an qualifizierten Erwerbsplätzen und durch die massive Ausweitung informeller Erwerbsverhältnisse aus.

Unterschätzt würde dabei oft die Bedeutung des informellen Sektors, der die IT-Industrie über niedrige Löhne und fehlende Arbeitsrechte auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig halte.

Ihrerseits betrachten die großen Unternehmen freilich gerade die Masse der einzelnen kleinen "Softwarepiraten" als gefährliche Konkurrenz. Mit geistigen Eigentumsrechten und Copyrights soll dieser Schattenwirtschaft Einhalt geboten werden. Aber weil sich die Mehrheit der Bevölkerung von der Politik offenbar keine Unterstützung erwarten kann, betonte auch die indische Schriftstellerin und Globalisierungsgegnerin Arundhati Roy die politische Sprengkraft dieser systemschädigenden Aktivitäten.

Ähnlich wie seine indischen Kollegen setzt auch Konrad Becker, Leiter der Wiener Netbase, im Kampf gegen die "Vorherrschaft in der Infosphäre" auf Softwarepiraterie, Aufklärung und mediale Aufmerksamkeit.

"Are we really living in an information society when most information has been privatized", hieß es auf einem Plakat des Künstlers Sebastian Luetgert, das im Rahmen einer öffentlichen Kampagne der Netbase im Stadtraum von Banglore affichiert wurde. Und die Frage, ob Wissen und Information in Zukunft als ein privatwirtschaftliches Produkt oder als allgemein zugängliche Ressource behandelt wird, beschäftigte zumindest kurzfristig auch die indischen Tageszeitungen. (DER STANDARD, Printausgabe, 29.11.2005)

>>>"Freier Zugang für alle": Kunstprojekte und -institutionen gegen die Einengung von Wissen und Information

"Freier Zugang für alle": Kunstprojekte und -institutionen gegen die Einengung von Wissen und Information

Bangalore - "Delinquents" heißt die Anti-Illegalisierungskampagne der deutschen Künstlerin Ulrike Brückner, die im Rahmen von "World-Information City" im Stadtraum von Bangalore affichiert wurde. Sie zeigt Personen verschiedenen Alters, die sich mehr oder weniger unwissentlich des "Datenraubs" schuldig gemacht haben.

Neben Brückners Projekt stellte auch der deutsche Künstler Sebastian Luetgert in einer Plakatserie die Kriminalisierungsversuche der "Copyright-Regimes" zur Diskussion: "Why is copying called stealing even tough the original does not disappear?" hieß nur eine seiner "Good Questions", die im Stadtraum von Bangalore unübersehbar waren. Die indische Medieninstitution Sarai, die von der international renommierten indischen Künstlergruppe Raqs Media Collective gegründet wurde und gemeinsam mit der Wiener Netbase, dem Alternative Law Forum in Bangalore und der Amsterdamer Waag Society die Konferenz veranstaltete, setzt ebenfalls auf die Demokratisierung von Wissen, und auch Konrad Becker, der den Großteil der zeitgenössischen Kunst als "Opium für die Bourgeoise" bezeichnete, hält das Entwickeln von gemeinsamen kultur- und medienpolitischen Strategien als unerlässlich, um "die Wissenssysteme als Existenzgrundlage der Informationsgesellschaft für alle zugänglich zu machen". (cb/DER STANDARD, Printausgabe, 29.11.2005)

Von Christa Benzer



world-information.org

netbase

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Freier Zugang für alle"
Kunstprojekte und -institutionen gegen die Einengung von Wissen und Information
  • Per Mausklick zum Softwarepiraten: Die Anti-Illegalisierungs-Kampagne der deutschen Künstlerin Ulrike Brückner in Bangalore.
    foto: netbase/paul keller

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