Top-Quantenphysiker kehrt nach Österreich zurück

5. Dezember 2005, 13:14
41 Postings

Jörg Schmiedmayer wechselt von der Universität Heidelberg an die Technische Universität Wien

Wien - Der Top-Quantenphysiker Jörg Schmiedmayer kehrt nach Österreich zurück. Der 45-jährige gebürtige Wiener wechselt von der Universität Heidelberg an die Technische Universität (TU) Wien, bestätigte der Dekan der Physik-Fakultät, Gerald Badurek. Gelockt wurde Schmiedmayer, der sich mit der Entwicklung sogenannter Atomchips international einen Namen gemacht hat, mit einem völlig neuen Labor, das am Atominstitut der österreichischen Universitäten eingerichtet wird. Die Stadt Wien und Siemens stellen für die Arbeit des Quantenphysikers jeweils eine Mio. Euro zur Verfügung.

Auf Initiative von Siemens-Chef Albert Hochleitner hat das Unternehmen anlässlich seines 125-jährigen Bestehens den Betrag für die "Rückholaktion" bereitgestellt, die Stadt Wien ist mit der gleichen Summe mitgezogen. Laut Badurek stellt die TU Wien weitere 1,6 Mio. Euro auf, die für den Umbau des Labors und notwendige Renovierungsarbeiten am Gebäude notwendig sind.

Voraussetzungen

Ursprünglich war der Spätherbst 2005 als Zeitpunkt der Übersiedlung von der TU Wien in Aussicht gestellt worden. Doch nach den ersten Kontakten mit der österreichischen Bürokratie hat sich alles schon verzögert. Für den Physiker und die TU kommt eine Übersiedlung jedenfalls erst in Frage, wenn das Labor fix und fertig ist und die wissenschaftliche Arbeit nahtlos fortgesetzt werden kann. "Wissenschaft ist wie ein Termingeschäft am Ölmarkt. Wenn man nicht der erste ist, kann man es gleich bleiben lassen", betonte Schmiedmaye.

Die gute Lebensqualität Wiens sei ausschlaggebend für seinen Entschluss zur Rückkehr gewesen, auch wenn sich im Bewusstsein für Wissenschaft hierzulande nach Ansicht Schmiedmayers noch einiges ändern müsste. "In unserer wissensbasierten Gesellschaft sind die beste Ausbildung und die besten Köpfe der entscheidende Faktor, um zu überleben, aber das ist der Politik leider noch nicht genügend bewusst."

Forschungsschwerpunkt Quantenphysik

Das Ziel Schmiedmayers ist es, in Wien ein Team bestehend aus drei bis vier herausragenden jungen Wissenschaftern aufzubauen, von denen jeder eine eigene Gruppe mit eigenen Labors und Geld leitet. Im Mittelpunkt der Arbeit soll die Quantenphysik stehen, die der Forscher als eine der Schlüsselwissenschaften des 21. Jahrhunderts bezeichnet. Dabei sieht er sich keinesfalls als Konkurrenz zu den bereits bestehenden quantenphysikalischen Gruppen in Wien (rund um Anton Zeilinger) und Innsbruck (mit Rainer Blatt, Hans Jürgen Briegel, Rudolf Grimm und Peter Zoller), sondern will mit diesen kooperieren.

Atomchips

Wobei Schmiedmayer mit seinem Spezialgebiet "Atomchips" bisher in Österreich eine Alleinstellung einnimmt, während weltweit einige sehr starke Gruppen auf diesem dynamischen und kompetitiven Gebiet arbeiten. "Atomchips" sind im Prinzip Atomfallen im Miniaturformat. Dabei handelt es sich um Mikrochips, die magnetische und elektrische Felder erzeugen. Damit können Atome gefangen, gekühlt und manipuliert werden. Nahe dem absoluten Nullpunkt (minus 273 Grad Celsius) verwandeln sich die Atome in ein sogenanntes Bose-Einstein-Kondensat (BEC). Dies ist ein exotischer Materiezustand, bei dem die einzelnen Atome quasi ihre Identität verlieren, alle im Gleichschritt marschieren und eine kohärente makroskopische Materiewelle bilden.

"Atomchips verbinden das beste aus zwei Welten: die Quantenmanipulationen der Atomphysik und Quantenoptik mit den fantastischen Möglichkeiten der Nanotechnologie", betont Schmiedmayer. Ihm ist es in Heidelberg bereits gelungen, mit verschiedenen Tricks mit dem BEC auf den Leiterbahnstrukturen des Atomchips zu spielen und erste Anwendungen der BEC in der Messtechnik zu demonstrieren. So hat sein Team im vergangenen Jahr einen ultrasensitiven Sensor für oberflächennahe elektromagnetische Felder gebaut.

Erst kürzlich hat es Schmiedmayer mit einer Weiterentwicklung des Atomchips als erste publizierte Arbeit in die erste Ausgabe der neuen Fachzeitschrift "Nature Physics" geschafft. Ihm und seinem Team in Heidelberg ist es gelungen, einen Strahlteiler für ein BEC auf einem Mikrochip zu verwirklichen. Dieser teilt ein BEC, ohne dessen besondere quantenphysikalische Eigenschaften, den Gleichschritt (Kohärenz), zu zerstören. Solche Bauteile könnten einmal als präzise Navigationssensoren oder in künftigen Quantencomputern Anwendung finden. (APA)

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.