Wegschauen aus Toleranz

29. November 2005, 07:00
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Saures für Nina Hoss' eurozentristisches Unverständnis von genitaler Verstümmelung an schwarzen Frauen

Darüber hätte sie sich auch schon den Kopf zerbrochen, sagte die Schauspielerin Nina Hoss in einem Interview mit der Kinozeitschrift "M" auf die Frage, wieweit sich der Westen in Afrika einmischen dürfe. Ausgangspunkt für dieses Gespräch war der Film "Die weiße Massai", in dem Nina Hoss die Hauptrolle inne hat. Sie spielt eine Frau, die ihre Existenz im Westen aufgibt und sich in Afrika in einen Sambu-Krieger verliebt.

Worüber sie sich bezüglich des Spannungsverhältnisses Afrika und Westen den Kopf zerbrochen hätte, führte sie anhand der Genitalverstümmelung an Mädchen und Frauen in folgender Weise aus: "Das ist eine Folter, die man diesen Frauen antut, eine Folter für das ganze Leben. Es gibt aber viele Mädchen, die erzählen, wie sehr sie sich darauf freuen, endlich beschnitten zu werden. Denn die Tradition verspricht den Mädchen, erst nach der Beschneidung zu vollwertigen Frauen zu werden. Man muss den Menschen Zeit lassen, die Dinge selbst zu verändern, wenn sie das möchten... Wir dürfen nicht wie die Kolonialherren dorthin kommen und sagen: Wir wissen, wie's geht."

Zum einen möchten wir Frau Hoss darauf hinweisen, dass sie fälschlicherweise den Begriff "Beschneidung" verwendet, der lediglich im Falle einer Operation bei verengter Penisvorhaut oder aus religiösen Geünden angebracht ist, also alleine auf das männliche Genitale zutrifft, wobei weder Funktion noch sexuelles Empfinden gestört werden. Bei der genitalen Verstümmelung von Mädchen und Frauen handelt es sich jedoch um die Vernichtung ihres Sexualorgans Nummer eins, der Klitoris, die entfernt wird, um ihr das sexuelle Vergnügen zu rauben. Weiters wird die Vagina zugenäht und erst für den Bräutigam soweit geöffnet, wie es der Größe seines erigierten Penis entspricht. Die Sexualorgane der Frau werden also auf das Gebären reduziert und als Eigentum des Mannes definiert. Folglich ist ein Vergleich einer derart ungeheuerlichen, schmerzhaften, lebensgefährlichen Zurichtung, die das gesamte Leben der Betroffenen beeinträchtigt, mit einer harmlosen Beschneidung bei Männern geradezu pervers und zeigt nur einmal mehr, was hinter dieser Veharmlosungsstrategie verborgen ist.

Nina Hoss' angebliches Kopfzerbrechen dürfte daher nicht sehr weit fortgeschritten sein, wenn sie bereits beim Terminus scheitert. Viel verheerender erweist sich jedoch, dass sie zwar richtigerweise eingesteht, dass es sich hier um Folter handelt, aber im nächsten Moment einer falsch verstandenen Toleranz auf den Leim geht. Was ist das für eine Toleranz, die zuschaut, wenn Menschen gefoltert, verstümmelt, erniedrigt und/oder ermordet werden? Aber erfahrungsgemäß ist es halt viel einfacher, bequemer und eben eurozentristisch (wobei genitale Verstümmelungen auch in Europa praktiziert werden!), wegzuschauen und sich hinter einer ausgehöhlten bzw. nicht mehr existenten Toleranz zu verstecken.

Dass Hoss darüber hinaus auch noch den Vergleich mit der Kolonialherrschaft anbringt, erweist sich mehr als ungustiös und fördert ein Unwissen zutage, dass es peinlicher kaum geht. (dabu)

29.11.2005
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    Eine Zitrone für Nina Hoss
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