"Jetzt bricht auch das Zeitalter der Frauen an"

13. Dezember 2005, 13:24
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Michelle Bachelet hat laut Umfragen beste Chancen, die Präsident­schaftswahlen in Chile zu gewinnen

STANDARD: In Deutschland ist mit Angela Merkel gerade eine Frau an die Macht gekommen. Sie haben auch die Chance, erste Präsidentin Chiles und sogar erste demokratisch gewählte Präsidentin Südamerikas zu werden. Ist die Zeit der Männer, gar der Machos, in der Politik zu Ende?

Bachelet: Nein, ich glaube nicht, dass die Zeit der Machos zu Ende gegangen ist, aber es wäre gut, wenn jetzt auch das Zeitalter der Frauen anbräche. Ich bin sicher, dass ich gewählt werden werde. Ich fühle auch eine große Verantwortung.

STANDARD: Welches Signal ginge von Ihrer Wahl für die Frauen in Lateinamerika aus?

Bachelet: Ich weiß, dass die Frauen in ganz Lateinamerika ihren Blick auf Chile richten - mit der Hoffnung, dass durch das, was hier passiert, auch die Barrieren in anderen Ländern fallen, damit die Frauen Zugang zu allen Teilen der Gesellschaft bekommen. Selbstverständlich werde ich aber eine Präsidentin für Frauen und Männer sein. Die Frauen werden aber mehr Unterstützung, mehr Förderung bekommen, um Chancengleichheit herzustellen.

STANDARD: Der Umgang mit Augusto Pinochet ist ein Thema, das noch immer für Schlagzeilen sorgt. Sie selbst wurden während der Militärdiktatur gefoltert, ihr Vater wurde umgebracht. Sie waren auch in Österreich im Exil. Wie beurteilen Sie, dass Pinochet jetzt zum ersten Mal festgenommen beziehungsweise unter Hausarrest gestellt wurde?

Bachelet: Das zeigt, dass die Justiz in Chile funktioniert. Das zeigt auch, dass niemand in Chile über dem Gesetz steht.

STANDARD: Pinochet wird neben Menschenrechtsverletzungen auch vorgeworfen, dass er Geld - es sollen 27 Mio. US-Dollar sein - beiseite geschafft, Steuern in Millionenhöhe nicht bezahlt, Pässe gefälscht und falsche eidesstattliche Erklärungen abgegeben hat. Wie, glauben Sie, reagieren die Militärs auf diese Vorwürfe?

Bachelet: Ich glaube, dass die Militärs sehr betroffen sind, weil die Ehre für die Militärs sehr wichtig ist.

STANDARD: Wie stellen Sie sich die künftige Kooperation Chiles mit der EU vor?

Bachelet: Wir haben den Freihandelsvertrag mit der EU unterzeichnet. Es geht aber nicht nur um das Wirtschaftliche in den Beziehungen zu Europa. Dieser Vertrag bezieht sich auf wichtige Werte, die wir teilen. Der Wert der Demokratie, der offenen Wirtschaft und die Anerkennung des internationalen Rechts, um Konflikte zu lösen. Wir wollen auch ein besseres Instrument zur Zusammenarbeit schaffen. Unser Außenministerium wird auch gleichzeitig ein Ministerium für Außenpolitik und Außenhandel sein. Dieser Außenhandel wird auch alle Kooperationsinstrumente zusammenführen.

STANDARD: Die Amtsübergabe findet im März 2006 statt. Im Mai gibt es in Wien den EU-Lateinamerika-Gipfel. Werden Sie teilnehmen?

Bachelet: Wenn ich die Wahl gewinne, werde ich mit Sicherheit dabei sein. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.11.2005)

Das Gespräch führte Alexandra Föderl-Schmid in Santiago de Chile

Zur Person: Michelle Bachelet (54) floh nach Pinochets Putsch 1973 mit ihrer Mutter ins Exil nach Österreich und Deutschland. Sie kehrte 1979 nach Chile zurück und engagierte sich in der Kommission für Menschenrechte. Die Kinderärztin und dreifache Mutter, die von ihrem Mann getrennt lebt, wurde Mitglied der Sozial­istischen Partei und von Präsident Ricardo Lagos zuerst zur Gesundheits- dann zur Verteidigungs­ministerin gemacht. Ihre Präsident­schafts­kandidatur unterstützen Sozialisten, Sozialdemokraten und Christdemokraten.

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