Saddam verbat sich vor Gericht die Handschellen

30. November 2005, 18:37
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Wie beim ersten Mal versuchte der Exdiktator den Kurden Rizgar Mohammed Amin mit präsidentiellem Gehabe zu beeindrucken - Prozess auf 5. Dezember vertagt

Saddam Hussein vor seinem Richter: Wie beim ersten Mal versuchte der Exdiktator den Kurden Rizgar Mohammed Amin mit präsidentiellem Gehabe zu beeindrucken. Und wieder begegnete Amin den Beschwerden Saddams mit Ruhe und leichter Ironie. Als der frühere irakische Präsident laut wurde, wurde die - zeitlich versetzte - Übertragung aus dem Gerichtssaal kurzfristig unterbrochen.

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Bagdad - Ein laut Beobachtern "gut gelaunter" Angeklagter Saddam Hussein trat am Montag in Bagdad wieder vor seine Richter. Der nach mehrwöchiger Unterbrechung fortgesetzte Prozess gegen den gestürzten irakischen Präsidenten wurde jedoch, wie erwartet, am Montag erneut vertagt. Das Verfahren soll am 5. Dezember fortgesetzt werden. Damit soll der Verteidigung Zeit gegeben werden, einen Ersatz für zwei Anwälte zu finden, die kurz nach Beginn des Prozesses im Oktober ermordet worden waren. Ein weiterer Anwalt wurde verletzt und flüchtete daraufhin ins Ausland. Das Sondergericht verschärfte die Sicherheitsvorkehrungen und bot besonderen Zeugenschutz an.

Außenminister Hoshyar Zebari hat am Montag versichert, die Regierung in Bagdad tue ihr Möglichstes, damit der Prozess gegen Ex-Diktator Saddam Hussein "fair und gerecht" verlaufe. Das Ziel seien "größtmögliche Transparenz und Gerechtigkeit", sagte Zebari nach einem Treffen mit seinem französischen Kollegen Philippe Douste-Blazy in Paris. Der Prozess gegen den gestürzten Machthaber sei "wichtig für die Sicherheit und die politische Situation im Irak" und stelle die Glaubwürdigkeit der irakischen Regierung auf den Prüfstand.

Heftige Wortgefechte

Saddam Hussein lieferte sich bei der Verhandlung wieder heftige Wortgefechte mit dem vorsitzenden Richter Rizgar Muhammed Amin, der die Beschwerden des Exdiktators mit schon aus der ersten Verhandlung bekannten Ruhe und Ironie nahm: "Ich werde es der Polizei sagen", entgegnete Amin, als sich Saddam beschwerte, dass er von "ausländischen Wächtern" in Fesseln vorgeführt worden sei. Saddam Hussein entgegnete ihm: "Ich will nicht, dass Sie es ihnen sagen. Ich will, dass Sie ihnen befehlen. Sie sind Eindringlinge und Besatzer, und Sie müssen ihnen befehlen."

Zettel und Stift

Der irakische Ex-Präsident traf leicht verspätet im Gerichtssaal ein. Er trug ein weißes Hemd und ein dunkles Jackett und unter dem Arm eine Ausgabe des Korans. Er stritt mit dem Richter über seine Rechte. Seine Bewacher hätten ihm einen Stift und einen Zettel weggenommen. "Sie haben mich hier an die Tür gebracht, und ich trug Handschellen. Sie können den Angeklagten nicht in Handschellen vorführen", erklärte er seine Verspätung. Er habe vier Stockwerke hinaufgehen müssen, weil ein Aufzug defekt gewesen sei.

Die Anhörung wurde zeitlich verzögert im Fernsehen gezeigt, um bei unerwünschten Ereignissen die Übertragung nötigenfalls stoppen zu können. Als Saddam Hussein lauter wurde, brach die Fernsehübertragung aus dem Gerichtssaal ab.

Der neuerlichen Vertagung ging die Ablehnung eines vom Gericht gestellten Verteidigers durch den mitangeklagten früheren Vizepräsidenten Taha Yassin Ramadan voraus. Sein ursprünglicher Anwalt war kurz nach Prozessauftakt ermordet worden.

Das Gericht ließ am Montag den ehemaligen US-Justizminister Ramsey Clark als Berater der Verteidigung zu. Nach eigenen Angaben will er die Rechtmäßigkeit des US-finanzierten Gerichts anfechten.

Saddam Hussein droht die Todesstrafe

Bei einer Verurteilung droht den Angeklagten die Todesstrafe. Zum Auftakt des Verfahrens am 19. Oktober hatten sich zahlreiche Zeugen geweigert, öffentlich aufzutreten. In dem Verfahren gegen den irakischen Expräsidenten und sieben Mitangeklagte geht es um ein Massaker in dem schiitischen Ort Dujail 1982 nach einem gescheiterten versuchten Anschlag auf Saddam Hussein.

In Dujail forderten rund 200 Menschen die Hinrichtung Saddam Husseins. Die Demonstranten versammelten sich am Montag im Ortszentrum mit Transparenten, auf denen stand: "Wir verlangen die Hinrichtung des Diktators Saddam." In Tikrit, seiner Heimatstadt, versammelten sich Anhänger des Ex-Machthabers und hielten vor einer Moschee Fotos ihres Idols hoch. (DER STANDARD, Printausgabe, 29.11.2005)

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    Richter Rizgar Mohammed Amin begegnete den Vorhaltungen des Exdiktators mit Ironie.

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    Saddam Hussein als Angeklagter im Gerichtssaal: Beschwerde über die "ausländischen Wächter".

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    Exjustizminister Ramsey Clark verteidigt Saddam.

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