STANDARD-Interview: Eine osteuropäische Union als Behelf

30. November 2005, 19:03
1 Posting

Die Ukraine braucht neue Partner, und der Weg in die EU ist noch weit, meint der Politiloge Wolodymir Nikitin und empfiehlt eine osteuropäische Union

Die Ukraine braucht neue Partner, und der Weg in die EU ist noch weit, meint der Politiloge Wolodymir Nikitin. Er empfiehlt im Gespräch mit Markus Bernath eine osteuropäische Union.

* * *

Standard: Wenn Sie heute Waren quer über das Schwarze Meer transportieren wollen, haben Sie zwei Fährlinien zu Verfügung. Nur eine verkehrt regelmäßig. Ist das nicht symptomatisch für den geringen Kontakt unter den Schwarzmeerländern?

Nikitin: Es ist richtig, es gibt einen schwerwiegenden Mangel an Verbindungen innerhalb dieser Region. Es gibt keine gemeinsame Geschichte der Schwarzmeerländer, die in Büchern niedergelegt worden wäre. Es gibt auch keinen vergleichbaren Mythos wie über die Zivilisation des Mittelmeerraums oder die nordatlantische Gemeinschaft. Die Konturen der Schwarzmeerregion sind immer noch sehr weich, die Region ist erst im Entstehen. Das ist ein Erbe der sowjetischen Herrschaft.

Standard: Wie sehen die Menschen am Schwarzen Meer selbst ihre Identität?

Nikitin: Im Bewusstsein der Menschen in der Region gibt es im Grunde zwei Vorstellungen: die eine umschließt das Schwarze Meer und die Ostsee - das heißt Polen, Ungarn, Rumänien; das andere Denkmodell ist auf das Schwarze Meer allein und seine sechs Anrainerstaaten beschränkt. Wie dem auch sei, die Ukraine braucht heute neue geographische Modelle, um seine Position zu finden. Wir sind uns in der Ukraine völlig bewusst, dass der Weg in die EU lang ist und dass wir am Ende auch scheitern könnten. Für uns ist die EU zuallererst als Vorbild hilfreich und als Motor für den politischen Wandel.

Man kann sich auch die Gründung einer osteuropäischen Union vorstellen, die flexiblere Regeln hat, eine andere Mentalität. Die Ukraine könnte in einer solchen Union unabhängiger auftreten, sozusagen als Akteur zwischen EU, Russland und Asien.

Standard: Das würde eine neue Teilung Europas bedeuten.

Nikitin: Nein, das wäre keine Teilung wie in der Zeit des Kalten Kriegs. Die Ukraine orientiert sich sehr stark an die EU und deren Werte. Aber wir sind derzeit nicht in der Lage, alle Bedingungen zu erfüllen, die die Union für einen Beitritt stellt. Und was vielleicht noch entscheidender ist: Die EU selbst hat Probleme mit ihren neuen Mitgliedsländern. Sie wird wohl eine neue Politik, eine neue Form der Organisation für die erweiterte Union finden müssen. Der Beitritt eines so großen Lands wie der Ukraine oder der Türkei könnte da nur noch weitere Schwierigkeiten schaffen.

Standard: Welche Staaten könnten einer solchen osteuropäischen Union angehören? Nikitin: Das sind nur Ideen, aber denkbar wären die Türkei, der Südkaukasus, die Balkanländer und die Ukraine.

Standard: Die Präsidenten Georgiens und der Ukraine haben eine "Gemeinschaft der demokratischen Wahl" ausgerufen. War das mehr als ein PR-Gag der zwei "Revolutionäre"?

Nikitin: Ich denke, eine substanzielle Kooperation ist möglich. Wir haben die geschichtliche und menschliche Basis dafür. Die Ukraine und Georgien hatten immer schon Sympathie füreinander. Ich war noch zu Sowjetzeiten mehrfach in Georgien, und der Umgangston hat sich ein jedes Mal geändert, wenn ich sagte, dass ich nicht aus Russland, sondern aus der Ukraine komme. Wenn die Politik heute Taten folgen lässt, kann sich tatsächlich ein enges Verhältnis zwischen den beiden Staaten entwickeln. (DER STANDARD, Printausgabe 28.11.2005)

Zur Person:
Wolodymir Nikitin (59) ist Politologe und Architekt. Er leitet das Internationale Zentrum für politische Studien in Kiew (ICPS).
  • "Man kann sich auch die Gründung einer osteuropäischen Union vorstellen, die flexiblere Regeln hat, eine andere Mentalität."
    foto: standard/newald

    "Man kann sich auch die Gründung einer osteuropäischen Union vorstellen, die flexiblere Regeln hat, eine andere Mentalität."

Share if you care.