STANDARD-Interview: Exportfähige Erfahrungen im Alpinraum

5. Dezember 2005, 12:48
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Regionen haben Chancen, wenn sie die Bereiche, in denen sie schon gut sind, noch attraktiver machen - für Arbeitskräfte wie für Investoren. Tirol etwa investiert in Biotech- wie in Tourismus- und Alpinforschung. Mit Harald Gohm, dem Chef der Tiroler Zukunftsstiftung, sprach Michael Freund

STANDARD: Herr Gohm, warum soll jemand mit einer neuen Idee, einer Firma im Kopf nach Tirol gehen? Gohm: Meine Lieblingsantwort geht wie folgt: Tirol ist ein so guter Standort für Firmengründungen und Ähnliches, weil die Tiroler durch das karge Leben immer schon gezwungen waren, nach neuen Lösungen Ausschau zu halten. Denken Sie an Peter Mitterhofer (einer der Erfinder der Schreibmaschine), Alois Negrelli (Verkehrspionier und Planer des Suezkanals) oder Peter Anich (Kartograf und Schöpfer von Himmels- und Erdgloben).

STANDARD: Sie leiten seit fünf Jahren die Tiroler Zukunftsstiftung. Zu welchem Zweck gibt es sie, und was macht sie konkret?

Gohm: Die offizielle Zieldefinition lautet: Stärkung der Position des Wirtschaftsstandortes Tirol durch Gründung, Ansiedlung und Unterstützung von Unternehmen zur Sicherung bestehender und Schaffung neuer Arbeitsplätze.

STANDARD: Und die inoffizielle?

Gohm: Genauso. Aber ich hole einmal etwas weiter aus. Mitte der Neunzigerjahre hat sich in der Politik herumgesprochen, dass "Innovation" etwas Gutes ist. Damit konnte man Aufmerksamkeit erzielen, also wurden viele Mittel locker gemacht. Das führte zu einem Wildwuchs an Förderungen, Gründungen von Innovationszentren usw. Mittlerweile ist es zu einer Bereinigung gekommen - man sieht das auf Bundesebene etwa an der Gründung der Forschungsförderungsgesellschaft FFG. Dazu kamen die komplexen EU-Förderungen, die ebenfalls ein gezielteres und gebündelteres Agieren voraussetzen.

In Tirol hat man gesagt: Gut, wir wollen auch bereinigen. Richten wir den Fokus auf eine Säule, nämlich die Zukunftsstiftung. Sie kümmert sich - das wäre eine Kurzdefinition - um eine Attraktivierung des Standorts.

Vor einem Jahr wurde dazu etwa die Tech Tirol Betriebsansiedlungsgesellschaft in die Stiftung integriert.

STANDARD: Wen wollen Sie vor allem anziehen?

Gohm: Wir gehen von drei Fragen als Prämissen aus: Wo ist in unserem Bundesland (a) die Wertschöpfung hoch, (b) die Beschäftigungszahl hoch und (c) ein Innovationspotenzial gegeben?

STANDARD: Das klingt ja eher nach der Lösung als nach einem Problem.

Gohm: Die Lösung ist, dass wir in solchen Bereichen die besten Chancen haben und sie daher ausbauen wollen.

In Tirol ist das zum einen der Gesundheitsbereich, von den Biotech-Forschungsinstitutionen bis zum Wellness-Tourismus, zum anderen ist die Mechatronik bei uns gut vertreten; ich denke an Plansee, Jenbach, Swarovski und andere.

Und schließlich gibt es den alpinen Bereich, wo wir führend an der Lösung für die dauerhafte Sicherung dieses Lebensraums arbeiten. Wir haben dazu das einzige Kplus-Zentrum westlich von Linz, das alpS Zentrum für Naturgefahrenmanagement - man darf nicht vergessen, dass diese Zentren eigentlich für industrielle Regionen gedacht sind, und dafür ist Tirol ja nicht typisch: Wir haben 32.000 Unternehmen, davon haben 90 Prozent weniger als neun Mitarbeiter! Unsere Erfahrungen im alpinen Raum sind zudem exportfähig. Ein Land wie Japan hat durchaus vergleichbare Regionen und profitiert von unserer Forschung und Entwicklung.

STANDARD: Sie definieren oder finden also solche Bereiche. Was dann?

Gohm: Ich sage Ihnen noch ein Beispiel, das bereits ein Stück Geschichte ist. In Tirol gab es immer schon viel Tourismus - wir halten bei 42 Millionen Nächtigungen jährlich -, und es gibt eine wachsende IT-Kompetenz. Gemeinsam hat sich daraus, unter der Leitung von Tourismusmanager Andreas Braun, das Internet-Ferienportal Tiscover ergeben, das mittlerweile ein Exportartikel ist.

In der Frühphase unserer Stiftung haben wir als Fonds viel von unseren jährlichen 7,5 Millionen Euro direkt investiert. Inzwischen denken wir, dass es besser ist, in den Aufbau von Strukturen zu investieren. Die Investitionen kommen dann schon. München, das Zentrum für Risikokapitalien, ist ja nur eine Autostunde entfernt. Wir verstehen uns als Standortagentur.

STANDARD: Was bedeutet das noch alles?

Gohm: Zum Beispiel, dass wir Messeauftritte absolvieren. Wir waren auf der Biotech-Messer in Hannover, auf Veranstaltungen in München und am Bodensee. Ab dem nächsten Jahr wenden wir uns verstärkt Norditalien zu.

STANDARD: Alte Banden. Funktionieren die noch oder wieder?

Gohm: Es geht nicht nur um Süditrol, sondern auch etwa um das Trentino. Einerseits haben wir Standortvorteile: Unsere Körperschaftssteuern sind günstiger, die Grundstückvergabe ist viel unkomplizierter, die Quadratmeterpreise immer noch um einiges niedriger. Andererseits gibt es auch eine gute Zusammenarbeit, zum Beispiel mit dem BIC Business Innovation Center in Bozen, ein Engagement in beide Richtungen. Unsere Aktivitäten werden als Vorbild herangezogen, andererseits profitieren wir von der längeren Erfahrung der Italiener mit den EU-Strukturen.

STANDARD: Sie stehen im Wettbewerb auch mit allen anderen Regionen rundherum, Vorarlberg, Bayern, Salzburg, Ostschweiz. Was spricht für Tirol?

Gohm: Sicher, dass unsere universitäre und außeruniversitäre Forschung gut ist; wir haben immerhin fünf Hochschulen in Tirol, und rund 50.000 Quadratmeter Laborfläche. Das sind Assets.

Ansonsten würde ich sagen: gute Mitarbeiter und ein attraktives Lebensumfeld. Die Formel lautet: "Dort arbeiten, wo andere Urlaub machen." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28. 11. 2005)

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