Kolumne: Hexenhammer 2005

29. November 2005, 14:20
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Guantánamo und Abu Ghraib waren schlimm genug. Wird nun eine neue Schwelle überschritten? - von Barbara Coudenhove-Kalergi

Nein, nein, in den USA wird nicht gefoltert. Während im US-Kongress um einen Gesetzesantrag gerungen wird, der das Foltern von Gefangenen verbieten soll, hat Geheimdienstchef Porter Goss vor einigen Tagen zum besseren Verständnis der Abgeordneten die Sache ein für alle Mal klargestellt. Wir foltern nicht, erklärte er, sondern "wir sammeln Informationen mit einzigartigen, innovativen Methoden". Gut zu wissen. Zu diesen innovativen Methoden gehört zum Beispiel das so genannte Whaleboarding.

Was wie ein vergnügliches Badestrand-Spiel klingt, heißt, einem Gefangenen einen Plastiksack über den Kopf stülpen, ihn an den Füßen aufhängen und ihn in einen Wasserbottich tauchen. Er bekommt keine Luft mehr und meint zu ertrinken. "Damit kann man jeden zum Reden bringen", ließ ein Insider wissen. Eine andere innovative Methode: den Gefangenen nackt, Arme und Beine gefesselt, tagelang in einer eiskalten Zelle aufrecht stehen lassen und von Zeit zu Zeit mit kaltem Wasser übergießen. Ganz so innovativ ist das allerdings nicht, in den Nazi-KZs und den sowjetischen Gulags wurde dieses Verfahren auch schon angewandt.

Der republikanische Senator John McCain hat bekanntlich im Oktober einen Gesetzesantrag eingebracht, der "grausame, unmenschliche und erniedrigende Behandlung von Gefangenen" ausnahmslos verbietet. McCain weiß, wovon er spricht, er war im Vietnamkrieg jahrelang in vietnamesischer Gefangenschaft. Sein Antrag wurde im Senat mit 90 gegen neun Stimmen angenommen. Nun muss er aber noch das Repräsentantenhaus passieren und das Weiße Haus tut alles, um für die Gefangenen der CIA eine Ausnahme zu erwirken. Es gehe um hochrangige Al Kaida-Leute, wird argumentiert. Mit den durch "innovative Methoden" gesammelten Informationen könnten tödliche Terroranschläge verhindert werden.

Dass Folter erstens nicht so schlimm sei und zweitens größeres Übel abwenden könne, ist von den Anhängern dieser Methode mit unterschiedlicher Radikalität immer schon behauptet worden. Als im Algerienkrieg die französische Armee wegen Foltermethoden kritisiert wurde, ließ sich der kommandierende General Massu, ein harter Bursche, vor Reportern Elektroschocks verpassen, hielt es aus und sagte: na also.

US-Verteidigungsminister Rumsfeld erklärte zum Thema Folter-durch-tagelanges-Stehen mit kaum überbietbarem Zynismus, er selbst stehe auch tagelang an seinem Rednerpult. In Deutschland erwog vor einigen Jahren ein Staatsanwalt, einen Geiselnehmer hart anzufassen, der ein Kind entführt hatte und dessen Aufenthaltsort nicht nennen wollte. (Wie sich später herausstellte, war das Kind zu dem Zeitpunkt schon tot). Der Staatsanwalt wurde entlassen.

Zur Zeit der Hexenverfolgungen wurde gefoltert, um das Übel der Paktiererei mit dem Teufel auszumerzen. Im "Hexenhammer", dem berüchtigten Prozess-Handbuch, erklärt der Autor, wenn die Hexe ihre Schuld unter der Folter gestehe, sei die Sache klar. Gestehe sie nicht, ebenfalls - denn dann leiste ihr Buhle, der Teufel, der Delinquentin Beistand. Bei der aktuellen Debatte, ob die durch Foltermethoden gesammelten Informationen verlässlich sind, fühlt man sich daran erinnert. Fallen wir wieder zurück in finstere, längst überwunden geglaubte Zeiten? Werden die USA ein Folterland?

Guantánamo und Abu Ghrai waren schlimm genug. Wenn Folter aber nun per Gesetz legalisiert werden sollte, wäre eine neue Schwelle überschritten. Aber auch wenn nicht - es gibt immer noch die Möglichkeit, die Gefangenen in andere Länder auszulagern. Dort kann man ihnen dann ganz altmodisch und ohne innovative Methoden die Knochen brechen. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.11.2005)

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