Kommentar: Die Lehren aus Harbin

6. Dezember 2005, 09:17
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Die Explosion des Chemiewerks war kein Zufall - Beim Bergbau sind Katastrophen längst die Regel ...

China wird von Besuchern des Westens als schöne neue Welt der schnellen Entscheidungen bewundert: Megaprojekte schießen dank verkürzter Planfeststellungsverfahren wie Pilze aus dem Boden. Die Kehrseiten übersieht man gerne. Selten werden sie so deutlich wie jetzt bei Harbin. Dort wurde der Millionenmetropole nach einem Chemieunfall fünf Tage lang das vergiftete Wasser abgestellt. Harbins glücklicherweise kurzer Notstand lenkt den Blick auf die Verletzbarkeit moderner Städte und auf die Zunahme von Umweltkatastrophen in China.

Die Explosion des Chemiewerks war kein Zufall. Beim Bergbau sind Katastrophen längst die Regel. Im Verkehr werden jährlich 100.000 Tote gezählt. Sie sind der Preis, den China für das immer hastigere Stillen seines wahnwitzigen Wachstums-, Rohstoff- und Energiehungers zahlt. Pekings Führung musste sich bisher weder um Umweltauflagen noch um eine kritische Presse sorgen. Seit Harbin ist das anders. Die von Funktionären anfangs vertuschte Umweltkatastrophe hat in den staatlich gelenkten Medien zu ungewöhnlichen Protesten geführt.

Und weil das Nachbarland Russland böse betroffen wurde, musste sich Pekings Führung erstmals entschuldigen. Eine andere Lehre von Harbin ist, dass das Ausland aufgewacht ist. China will bis 2020 Dutzende Riesendämme und 30 neue Kernkraftwerke bauen. Jeder Unfall hätte weltweite Folgen. Niemand kann sich darauf verlassen, im Falle eines GAUs wenigstens rechtzeitig gewarnt zu werden. Peking hat seine Versprechungen auf Offenheit immer erst erfüllt, wenn es ertappt wurde - von Sars über die Vogelgrippe bis zum ersten grenzüberschreitenden Giftunfall.

Harbin hat dazu geführt, dass es auch Gutwilligen bei der Betrachtung von Chinas schöner neuer Welt unheimlich wird. (Johnny Erling/DER STANDARD; Printausgabe, 28.11.2005)

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