Dolly und das ewige Leben

5. Dezember 2005, 12:39
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Die revolutionäre Botschaft des schottischen Schafexperiments rund um Dolly liege nach Ansicht des Wiener Endokrinologen und Bioethikers Johannes Huber nicht darin, dass die Forscher erstmals erfolgreich ein Säugetier geklont haben. Die daran angeschlossenen Debatten rund um das Klonen, die die ethische Tragweite dieser Reproduktionstechnik zum Inhalt haben, seien nur Nebenschauplätze, die von den wahren Konsequenzen ablenken: Mit dem Klonschaf Dolly wurde erstmals der Alterungskode geknackt, die Lebensuhr auf null zurückgestellt.

Die Forscher hatten zunächst etwas ganz anderes im Sinn, das man Gene-Pharming nennt: die Gewinnung von Arzneien für Menschen aus genetisch manipulierten Tieren. Sie wollten in die Brustdrüse eines Schafes ein menschliches Gen einbauen, damit das Euter mit der Milch einen menschlichen Blutgerinnungsfaktor produziert.

Erst alt, dann jung

Dazu entnahmen sie den Kern (die Erbsubstanz DNA) aus einer erwachsenen, ausdifferenzierten und daher ihrer ursprünglich vielen Entwicklungs- und Regenerationsmöglichkeiten beraubten Zelle eines Euters und pflanzten diesen in eine zuvor entkernte Eizelle ein. Das Plasma, die physiologische Nährlösung der Eizelle, sollte die eingepflanzten Gene stimulieren, mehr Proteine für die ersehnte Arznei zu bilden. Doch es kam anders: Das Plasma begann ein Reprogrammierungswerk, spulte das gesamte gealterte genetische Programm zum Anfangsstadium zurück, es entstand neues, junges Leben: Klonschaf Dolly.

Quintessenz: In alten Genen steckt jugendliches Potenzial, die umgebende Nährlösung ist der Jungbrunnen dazu - den muss man nur noch zum Sprudeln bringen. (fei/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28. 11. 2005)

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