"Mach dich frei und gib Feuer"

4. Dezember 2005, 17:41
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Für sein Werk als enga­gierter, die Wahrheit suchender Autor wurde dem Berliner Yaak Kar­sunke der Erich-Fried-Preis 2005 verliehen

Christoph Ransmayr, alleiniger Juror des Preises, lobte in seiner Laudatio vor allem Karsunkes Lyrik.

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Schreiben ist Kampf, ein jedes Mal vor dem leeren weißen Blatt oder Schirm aufs Neue. Für Yaak Karsunke gilt die uralte Binsenweisheit gleich doppelt: Der 71-jährige deutsche Autor, der gestern im Akademietheater den Erich-Fried-Preis 2005 verliehen bekam, verstand sein Schreiben immer auch als Tätigkeit eines politischen Kämpfers.

"Die Rolle ist deshalb reizvoll", schreibt er dazu in einem Text über literarisches Engagement, "weil sie gegenüber der Unsicherheit der künstlerischen Existenz und Produktion eine neue Gewissheit verspricht". Obendrein würde auch noch die Eitelkeit des Dichters bedient, weil er als einer, auf den normalerweise keiner hört, in der Öffentlichkeit ausnahmsweise einmal etwas zu sagen habe.

Heute kann man sich kaum mehr vorstellen, was da in den späten Sechzigern und frühen Siebzigern des vergangenen Jahrhunderts an Grundsatzdiskussionen geführt, an Theaterstücken mit Titeln wie Ruhrkampf-Revue aufgeführt wurde und was für eine Fülle an Postillen mit Titeln wie Kürbiskern existierte. Letztere, eine literarisch-politische Zeitschrift, hatte Karsunke 1965 mitbegründet. Nur drei Jahre später legte er seine Herausgeberfunktion aus Protest gegen den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten in die Tschechoslowakei im August 1968 nieder.

Von der Instrumentalisierung der Kunst durch die Politik hielt Karsunke schon in seinen Zeiten in der außerparlamentarischen Opposition (Apo) nichts. Zu tief empfand er die Kluft zwischen Politik und Poesie, die sich seines Erachtens vor allem in der Sprache auftue. Ein Kämpfer blieb er dennoch - ein Einzelkämpfer, der den Gang durch die Institutionen scheute und sich recht uneitel am Rande des Literaturbetriebs umtat.

Kaum greifbar

Ein großes, zusammenhängendes Werk hat Karsunke nicht vorgelegt. Der Sohn eines Fabrikanten, der sich nach einem abgebrochenen Jus-Studium zunächst als Schauspieler versuchte (u. a. in frühen Fassbinder-Filmen wie Liebe ist kälter als der Tod) und sich als Hilfs- und Gelegenheitsarbeiter durchschlug, schrieb in seiner vier Jahrzehnte umfassenden Laufbahn als freier Schriftsteller Gedichte, Erzählungen, Romane, Kinderbücher, Theaterstücke, Hörspiele und Drehbücher. Nur wenige seiner Bücher sind heute noch greifbar, zuletzt erschien 2004 der Gedichtband hand & fuß.

Christoph Ransmayr begründete seine Wahl des Erich-Fried-Preis-Trägers 2005 in seiner Laudatio neben Karsunkes Bekanntschaft und Verbundenheit mit Fried in den Sechzigern - dieser hatte den jungen Autor an den Wagenbach-Verlag empfohlen - vor allem mit den Qualitäten von Karsunkes Lyrik. Er verlor sich dabei nicht in großen Worten und Deutungen eines Werks, dessen Bekanntheit er beim Publikum nicht voraussetzen konnte, nützte seine Laudatio stattdessen zu einem emphatischen Porträt des Geehrten und stellte dessen Wirken anhand einiger Gedichte vor. Diese haben trotz ihrer spürbar politischen Bewegtheit die Jahrzehnte erstaunlich gut überstanden, wohl weil sie sich nicht in Haltungen erschöpften.

Ins Zentrum seiner Rede rückte Ransmayr ein Gedicht aus dem Band Kilroy & andere (1967). Dieses beschreibt aus der Sicht des Elfjährigen die Ankunft amerikanischer Soldaten 1945, und wie der Bub von ihnen Worte wie Cola, aber auch Fairness lernte.

Nicht gelesen wurde ein weiterer relativ bekannter Text des mit den Jahren milder, aber nicht nachgiebig gewordenen Karsunke, der so lautet: "was tust du wenn sie / dir ein gewehr gibt / (nämlich: die revolution) / es klingelt sie steht vor der tür / & bittet dich / feuer zu geben / ... / mach dich frei & gib feuer".

Das wirkt zwar nun wirklich wie aus einer anderen Zeit, aber es knallt. Dann holte sich Yaak Karsunke von Staatssekretär Morak den mit 14.600 Euro dotierten Preis ab. Er erklärte sich "ungemein gerührt", ausgerechnet den Erich-Fried-Preis zugesprochen zu bekommen. In seinen Dankesworten erwies er sich zwar nicht als der Elfjährige, der er laut Ransmayr immer noch sei, aber als ein durchaus in Würde Gealterter mit immer noch bemerkenswert jungem Kopf.

Als Karsunke vor einigen Monaten von dem Preis an ihn erfuhr, erzählte er, habe er in Bezug auf sein weiteres Schreiben erst ängstlich reagiert. Das weiße Blatt Papier habe sich dann aber doch wieder gefüllt. Der Ausgezeichnete beendete seine Dankesworte mit dem ersten Gedicht, das nach der freudigen Nachricht fertig wurde und widmete es Christoph Ransmayr. (Sebastian Fasthuber/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28. 11. 2005)

  • Yaak Karsunke, Fried-Preisträger, verstand sein Schreiben immer auch als Tätigkeit eines politischen Kämpfers
    foto: gezett.de

    Yaak Karsunke, Fried-Preisträger, verstand sein Schreiben immer auch als Tätigkeit eines politischen Kämpfers

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