Chinas Führung im Giftsumpf

6. Dezember 2005, 09:17
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100 Tonnen Benzol brachten Chinas abgehobene Führung wieder auf den Erdboden zurück

Es sollte eine perfekte Propagandafeier werden. Chinas Parteibonzen und Armeeführer hatten ihre Terminkalender abgestimmt. Keiner durfte Samstagfrüh fehlen, wo es um die Zukunft des Landes ging. Parteichef Hu Jintao zeichnete in der Pekinger Großen Halle des Volkes die beiden Raumfahrer Fei Junlong und Nie Haisheng mit Orden als "Helden der Nation" aus. In ihrem "magischen Raumschiff" (Shenzhou) hatten sie im Oktober fünf Tage lang die Erde umkreist. Rotfarbene Parolen priesen Pekings Erfolg in der bemannten Raumfahrt. Sie forderten alle auf, nun ihre Reihen hinter dem Führer des Landes, Parteichef Hu, noch enger zu schließen. 3000 Funktionäre, darunter die Generäle, denen die Raumfahrt untersteht, standen auf und stimmten zu den Klängen der Militärkapelle die chinesische Nationalhymne an: "Erhebt Euch . . . zu einem neuen langen Marsch . . . Vorwärts. Vorwärts".

Der Premier kam danach nicht mehr auf seinen Platz zurück. Wen Jiabaos Präsidiumssitz direkt neben dem Parteichef blieb nach der Preisverleihung verwaist. Im Plenum löste dies Getuschel aus. Was konnte so wichtig sein, eine so lange vorbereitete Versammlung Hals über Kopf zu verlassen?

Strafen angekündigt

Während Huin seiner Rede noch die Überlegenheit des sozialistischen Systems pries, saß der Premier schon im Militärflieger nach Harbin. Er ließ sich zur überraschenden Inspektionstour fliegen. Vor Ort versprach Wen die Verantwortlichen für den Umweltgau zu bestrafen.

100 Tonnen hochgiftige Chemikalien, die die Gesundheit von Millionen Chinesen und ihren russischen Nachbarn entlang des Songhua-Flußes bis in den Amur hinein bedrohen, hatten Pekings abgehobene Führung wieder auf die Erde zurückgeholt. Chinas Fernsehzuschauer sahen am Abend auch ihren Außenminister Li Zhaoxing auf dem Gang nach Kanossa. Der selbstbewusste Politbüro-Funktionär, der gerne andere belehrt, hielt seinen Kopf gebeugt. Er las mit der Brille auf der Nasenspitze eine lange Erklärung vor. Er entschuldigte sich vor laufenden Kameras beim russischen Botschafter Sergej Rasow. "Diese Katastrophe bringt Schaden für China wie für Russland." Am Nachmittag informierte Peking auch die UN-Organisationen über das Ausmaß der Umweltverseuchung.

Chinas Funktionäre machten gute Miene zum bitter empfundenen Gesichtsverlust. Dabei hätte am Samstagmorgen unter sozialistischer Regie alles ganz anders verlaufen sollen. Die oberste Parteiführung nahm nach festgelegter Schrittfolge ihre Plätze auf dem Podium ein, mit unveränderten Ritualen wie im vergangenen Jahrhundert feierte Peking seine zukunftsweisende Raumfahrt.

Hu Jintao beschwor die Nation, von nun an den Blick himmelwärts zu richten. "Wir müssen in der ganzen Gesellschaft den Geist der bemannten Raumfahrt kraftvoll propagieren, um Stolz und Selbstvertrauen aller zu wecken, damit das Land die vor uns liegenden Probleme überwinden kann."

Aktivkohle als Filter

Währenddessen sorgte sich Premier Wen in Harbin um ganz andere Fragen. Er überprüfte, ob der Katastrophenschutz in der Lage war, genügend Mengen an Aktivkohle ins Wasserwerk Nr. 3 anzuliefern, um das Flusswasser gesundheitssicher filtern zu können.

Mit der Jubelfeier für die beiden Raumfahrer durch ZK und oberste Militärführung wollte die Propaganda das Startsignal für eine neue landesweite Erziehungskampagne geben. "Lernt von den sozialistischen Heroen", heißt ihre Devise. Am Sonntag gingen dazu die Astronauten auf Vortragsreisen. Spielfilmserien im Fernsehen und neue Zeitschriften begleiten die patriotische Aktion.

Doch sie steht nun im Schatten des jüngsten irdischen Betriebsunfalls. Parteichef Hu ging in seiner Laudatio auf Chinas Raumfahrt, mit der Peking nach den Sternen greifen will, nicht auf ihn ein. Hu sprach so auch nicht die nahe liegenden Fragen zur Verantwortung der chinesischen Politik für die Folgen des Wachstums und ihrer ehrgeizigen Industrie- oder Prestigeprojekten an.

Transparenz verlangt

Das trauen sich aber inzwischen Chinas Medien. Drei große Wochenzeitungen des Landes verlangten auf ihren Titelseiten von der Pekinger Führung, ihre Hausaufgaben besser zu machen. Der Wirtschaftsbeobachter kommentiert den Umweltskandal: "Diese Katastrophe versetzt uns nicht in Panik, wohl aber die Erfahrung, dass es niemanden in Zeiten einer Krise gibt, der uns offen sagt, vor welchen Alternativen wir stehen." Die Zeitung 21. Jahrhundert verlangt in Zukunft, die Öffentlichkeit "rechtzeitig, korrekt und umfassend zu informieren". Der Titel ihres Leitartikels muss Pekings Führung zu denken geben: "Wer für Transparenz sorgt, erringt das Vertrauen".

Nach fünf Tagen rann am Sonntag in Harbin wieder Wasser aus den Leitungen. Der Giftteppich trieb an der Stadt vorbei und bewegt sich weiter auf den Amur und damit auf Russland zu. (Johnny Erling aus Peking/DER STANDARD; Printausgabe, 28.11.2005)

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