Handarbeiten im Vorstadt-Puff

27. November 2005, 18:43
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Ein frivoler, aber flauer Nestroy am Grazer Schauspielhaus

Graz - Es stimmt schon, was Nestroys Spekulant Kauz da im ersten Akt von Das Mädl aus der Vorstadt über die Heiraten und die Krapfen sagt: Man nimmt oft "alles mögliche dazu, und sie gelingen doch nicht". Mit dem Theater ist das oft genau so, wie die Premiere von eben diesem Mädl am Freitag im Grazer Schauspielhaus bewies: Da hat man einen österreichischen Klassiker des Volkstheaters, der mit bösem Wortwitz bürgerlich gebildete Abonnenten genauso amüsieren könnte wie junge Stehplatzhalter, einen Regisseur wie Gottfried Breitfuß, der bereits mit früheren Nestroys die Grazer eroberte - und heraus kommt ein viel zu langer derber Witz ohne Pointe.

Vielleicht liegt es an den Mengen der Zutaten, die der Krapfenbäcker Breitfuß in den Possenteig um Verwechslungen, Verheiratungen und Verwirrungen mischte: Zu stark überzeichnete Figuren etwa. Wie die fassungslos verschmähte Frau von Erbsenstein (Susanne Weber), ihr als leicht debiler, sehr ängstlicher Streber skizzierter Bräutigam Herr von Gigl (trotzdem brillant gespielt von Dominik Warta), ein hechelnder, geiler Kauz (Ernst Prassel) und eine Schar quietschender Tramps, die wie Heuschrecken über die Szenen herfallen.

Von den schlecht entlohnten Näherinnen Nestroys, die nichts gegen eine Heirat mit einem wohlhabenden Mann hätten, bleiben hier nur schrill geschminkte, kichernde Nutten (Andrea Wenzl, Ninja Reichert, Natascha Schah). Warum? Weil sich verzweifelte Arbeiterinnen im 19. Jahrhundert oft durch Geheimprostitution über Wasser hielten. Sollte dem Regisseur hier eine Gesellschaftskritik angesichts elender Zustände passiert sein? Sicher nicht, denn die Damen im Vorstadt-Puff (Bühne und Kostüme Jessica Rockstroh) müssen frivol auch den hässlichsten, obszönsten Freier umtänzeln, lustig auf erigierten Palmen einherreiten und dabei an Bananen zuzeln, als ob sie nichts lieber machen möchten.

Franz Solar als Winkelagent Schnoferl darf derweil fast ständig auf die Potenz seines Riechorgans aufmerksam machen (Achtung Wortspiel: Ein Schnüffler!). Da hat Katharina Knap noch Glück, abgesehen von übertriebener Schreckhaftigkeit und der Unschuld eines Germteigs, darf sie dem Mädl Thekla etwas moderater eine Seele einhauchen.

Was dabei herauskommt, ist gallige, in die Länge gezogene Kost, die am geplanten Höhepunkt des Stückes unerträglich wird: "Gebt dem Kauz endlich seine Brieftasche zurück und heiratet alle!", will man da entnervt ausrufen. (Colette M. Schmidt/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28. 11. 2005)

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