Der Winter des Patriarchen

17. März 2006, 15:23
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Der greise Ex-Diktator Augusto Pinochet könnte sich endlich für Folter- und Mordbefehle vor Gericht verantworten müssen

In Chile beginnt die Endphase des Präsidentschaftswahlkampfes mit einer großen Hoffnung: Der greise Ex-Diktator Augusto Pinochet könnte sich endlich für Folter- und Mordbefehle vor Gericht verantworten müssen.

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Als Augusto Pinochet 70 wurde, war er Alleinherrscher und tönte, kein Blatt könne sich ohne sein Wissen in Chile bewegen. Als er 80 wurde und Heereschef war, schenkten ihm die chilenischen Unternehmer eine Stiftung. Am Freitag wurde er 90, verbrachte seinen Geburtstag in Hausarrest und sieht Prozessen wegen Steuerhinterziehung und Morden an Regimegegnern entgegen. Als korrupter Folterknecht diskreditiert, statt - wie er es gerne gehabt hätte - als aufrechter Vaterlandsretter verehrt, lebt der Greis recht einsam hinter den dicken Mauern seiner Luxusvilla in Santiago. Ein Patriarch, behütet und umsorgt von seiner Familie und ein paar getreuen Ex-Offizieren.

Augusto Pinochet fühlt sich verraten, verlassen, unverstanden. Er glaubt noch immer, Chile vor dem kommunistischen Zugriff gerettet zu haben. Erst vor einigen Tagen, als er von einem Untersuchungsrichter zu seiner Rolle bei den Menschenrechtsverletzungen unter seiner Gewaltherrschaft (1973-1990) befragt wurde, beteuerte er, von nichts gewusst zu haben, und versuchte, die Schuld auf seine Untergebenen abzuwälzen. Doch weil auch die von der Justiz verfolgt werden, schwindet langsam die Loyalität zum einstigen Oberbefehlshaber. Pinochet habe jeden Morgen mit dem wichtigsten Folterknecht, Geheimpolizeichef Manuel Contreras, gefrühstückt, die Befehle erteilt und sich nach dem Fortgang der Repression erkundigt, erklärte ein Ex-Leibwächter.

Einen fast "besessenen Messianismus" bescheinigen ihm Diplomaten. Der war es wohl auch, der den als eher einfältig und konservativ geltenden General im September 1973 dazu bewegte, den sozialistischen Präsidenten Salvador Allende zu stürzen und 17 Jahre lang Chile seinen Stempel aufzudrücken. Die Aufnahme in die Militärschule in Santiago schaffte er erst im dritten Anlauf. Doch er fand Gefallen an Disziplin, Uniform und Geopolitik. Intellektuelle und Politiker blieben ihm zeitlebens verdächtig. Der Aufstieg gelang ihm durch Fleiß und Loyalität. Wohl deshalb empfahl ihn im August 1973 der damalige Heereschef Carlos Prats als seinen Nachfolger.

Einen Monat später musste Pinochet von den Befehlshabern der Luftwaffe und Marine erst zum Putsch gedrängt werden, schwang sich dann aber rasch zum Sprachrohr der Aufständischen auf. Einmal an der Macht verdrängte er seine Waffenbrüder aus der Junta. Im Dezember 1974 erklärte sich Pinochet zum Präsidenten. Ohne Probleme vereinte er brutale Härte gegen vermeintliche Kommunisten mit offen zur Schau getragenem Katholizismus. Seine Vorliebe für dunkle Sonnenbrillen, Galauniformen und grimmige Gesichter machte ihn zum Sinnbild eines lateinamerikanischen Diktators.

Foltern und morden

In den ersten Jahren gab sich Pinochet nicht einmal den Anschein, demokratische Institutionen oder den Rechtsstaat zu wahren: Er löste das Parlament auf, verbot politische Parteien und Gewerkschaften und ließ Oppositionelle verhaften, foltern, ermorden und verschwinden. Die Wirtschaftspolitik legte er in die Hände Neoliberaler, die Chile zum ersten Versuchskaninchen machten und dem Land ein beispielloses Wirtschaftswachstum bescherten. Die dadurch reich gewordene Unternehmerelite dankt es Pinochet bis heute. Die sozialen Folgen der Liberalisierung - Armut und Arbeitslosigkeit - hielt der Repressionsapparat unter Kontrolle.

Als der Druck aus dem Ausland größer wurde, ließ Pinochet 1980 mit einem Plebiszit die von ihm erlassene Verfassung absegnen. Mit einem zweiten Plebiszit wollte Pinochet der Welt 1988 beweisen, dass das Volk hinter ihm stand. Doch der Plan ging nicht auf. 53 Prozent der Wähler sagten "No", als Pinochet sich bis 1997 im Amt bestätigen lassen wollte. Im Dezember 1989 unterlag sein Kandidat bei der Präsidentschaftswahl gegen Patricio Aylwin. Pinochet behielt sich aber das Recht vor, bis 1998 Heereschef zu bleiben, anschließend zog er als Senator auf Lebenszeit ins Parlament ein.

Verhandlungsfähig

Die größte Demütigung seines Lebens erlitt er im Oktober 1998, als er in London auf Gesuch eines spanischen Richters festgenommen wurde. Nach zähen diplomatischen Verhandlungen konnte er zwar im März nach Chile zurückkehren, doch der Bann seiner Unantastbarkeit war gebrochen. Inzwischen war dort der Sozialist Ricardo Lagos Präsident, der unter Pinochet ins Exil gehen musste und der Meinung ist, dass es Zeit sei für eine Aufarbeitung der jüngsten Vergangenheit. Den vielen Prozessen gegen ihn, die der Ex-Diktator für einen Rachefeldzug seiner linken Gegner hält, konnte er bisher nur dank williger Ärzte entkommen, die ihn für senil erklärten. Doch selbst dieser Rettungsanker schwindet: Ein neues ärztliches Gutachten bescheinigte ihm vor einigen Tagen Prozessfähigkeit. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.11.2005)

Von Sandra Weiss aus Santiago de Chile
  • Die Chilenen tragen schwer am
politischen
Vermächtnis
des Augusto
Pinochet.
Nun soll dem
Diktator
endlich der
Prozess
gemacht
werden.
    foto: epa/leo marcazolo

    Die Chilenen tragen schwer am politischen Vermächtnis des Augusto Pinochet. Nun soll dem Diktator endlich der Prozess gemacht werden.

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