Des Weltalls unendliche Weiten

2. Dezember 2005, 12:43
2 Postings

Christian Thielemann im Musikverein

Wien - Ein Thielemann-Dirigat, das bedeutet im Ende ja meist: eine Springflut der Akklamation, lauthals übertönt noch von durchdringenden vokalen Begeisterungsäußerungen vornehmlich männlicher Konzertbesucher, mit Schreien, die mehr an kerniges Angriffsgebrüll auf schlammigen Schlachtfeldern denken lassen denn an Freudenkundgebungen.

Ein Thielemann-Dirigat, das bedeutet oft auch: Höhepunkte, so fest und streng und mächtig wie - ja, wie der deutsche Dirigent selbst; Höhepunkte, bei denen von den Härten des Lebens geprüfte Ehemänner ihre Köpfe den jeweiligen Ehepartnerinnen zuwenden, die Unterlippe vorwölben und nickend ihre Anerkennung für so viel von starker Hand gebaute Größe demonstrieren (die Ehepartnerinnen ignorieren dies meist und starren weiter gerade aus).

Beim Gastspiel der Münchner Philharmoniker im Musikverein am Samstag wurde das erste anerkennende Nicken durch die fulminante letzte Steigerung im zweiten Satz von Anton Bruckners siebter Symphonie ausgelöst - in der Tat der Wendepunkt zum Bemerkenswerten an einem Abend, der bis dahin nur Spurenelemente an künstlerischer Prägnanz und Überzeugungskraft geboten hatte.

Bei den drei Palestrina-Vorspielen Hans Pfitzners wusste man nur selten, was der deutsche Dirigent und sein Orchester hiermit denn sagen wollen: Dürre Leisheit ohne Innerlichkeit konstatierte man im ersten, kraftmeierische Höhepunkte im zweiten Vorspiel. Die Klangstruktur der Münchner erinnerte an unbehandeltes Holz: spröde, gleichförmig, wenig modelliert, kaum poliert.

Groß und weit und ewig wie ein Weltall wäre Bruckners Siebte, und doch: Der Klangkosmos zerfiel im Kopfsatz, Christian Thielemann, "der große Unberechenbare" (so das Magazin Musikfreunde), intervenierte über Gebühr, bremste, staute, buchstabierte die weit gespannten Themen, drückte ihnen einen allzu herrischen Stempel auf. Im Scherzo wuchs dann endlich zusammen, was zusammengehört: sowohl die einzelnen Stimmgruppen zu einem Orchesterganzen als auch Ratio und Emotion.

Mit kerniger Sportlichkeit wurde finalisiert und - siehe oben - applaudiert. Zurück blieb anderntags nur wenig außer ein wenig Angst vor so viel strenger Herrlichkeit. (Stefan Ender/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28. 11. 2005)

Share if you care.