Ungarn: Kádár und der gemütliche Irrtum

1. Dezember 2005, 16:20
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Der ungarische KP-Chef geistert durch den öffentlichen Diskurs - eine Analyse

Man redet wieder über János Kádár in Budapest. Nicht dass jemand den KP-Chef wiederhaben wollte. Auch eine Aufarbeitung der Vergangenheit scheint nicht in Sicht. Und doch geistert Kádár wieder als Bezugspunkt im öffentlichen Diskurs herum.

"Denn du lebst in jeder meiner verrutschten Krawatten und jedem verirrten Wort/ (...) in meinem ganzen verfehlten Leben/ lebst du und herrschst immer und ewiglich": Diese ironische Antihommage an Kádár verlas der Theatermann und Schriftsteller Mihaly Kornis neulich mit großem Erfolg. Die Botschaft der Show war: Wir Ungarn sind mit Kádár zusammengewachsen, umsonst tun wir so, als sei vor 1989 nur ein schlechter Traum gewesen. Kornis traf damit einen Punkt, der in Ungarn noch nicht von allen als wund erkannt wird. Immer neue nostalgische Bücher über die gemütliche Kádár-Zeit erscheinen auf dem Markt.

Bezugspunkt

Kádár muss in der jetzt neu aufgelebten Identitätssuche in der ungarischen Politik als Bezugspunkt herhalten. Die regierenden Sozialisten scheinen echten Linken nach ihren harten Wirtschaftsreformen in den Neunzigern keine richtige Heimat mehr zu bieten.

Der sozialistische Ministerpräsident Ferenc Gyurcsany, der es als früherer kommunistischer Jugendfunktionär nach der Wende zu großem Vermögen brachte, fühlte sich neulich bemüßigt klarzustellen: Das Kádár-System sei "ein Irrtum" gewesen, "der sich nicht aus böser Absicht nährte, sondern aus dem Guten. Aber das Gute lässt sich nicht mit Entzug der Freiheit propagieren." Das Gute, so scheint der Konsens in Ungarn zu lauten, war die materielle Sicherheit und die relative Liberalität in der gulaschkommunistischen Gesellschaft.

Die rechtskonservative Opposition Fidesz wiederum versucht, Sehnsüchte nach der kádáristischen Geborgenheit zu nutzen und kündigt gar an, privatisierte Betriebe rückzuverstaatlichen. Ein Linksschwenk? Oder nur der für Rechte nicht untypische Hang zum Etatismus, wie der liberale Philosoph Gáspár Miklos Tamás meinte?

Roter Stern am Revers

Jedenfalls gibt es durchaus Leute am äußersten linken Rand in Ungarn, die von einer Renaissance des Sozialismus träumen. In der winzigen linksorthodoxen Arbeiterpartei, die sich 1989 aus den Kádár-Kommunisten abspaltete, strebt der Dissident Attila Vajnaji eine Erneuerung nach dem Modell der deutschen Linkspartei von Oskar Lafontaine an. Vorerst aber profiliert sich Vajnaji als Enfant terrible: Er wurde jüngst zu einem Jahr auf Bewährung verurteilt, weil er ständig öffentlich mit dem in Ungarn verbotenen roten Stern am Revers herumläuft. Er wurde sogar verhaftet und in Handschellen abgeführt. Dies geschah in diesem Sommer, ausgerechnet am Grab von János Kádár, an dessen Todestag. "Kádár lebt", würde wohl Kornis sagen. (DER STANDARD, Printausgabe 28.11.2005)

Von Kathrin Lauer aus Budapest
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    Es gibt im heutigen Ungarn nur wenige, die den KP-Chef János Kádár gerne zurückhaben würden - wie die Aktivisten im Bild.

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